Neuenkirchen: „Bernard Pagfes“

1978 war der französische Bildhauer Bernard Pagfes zum ersten Mal in der Lüneburger Heide; er war zu dem Symposion „Zwei Steine sind nie gleich“ eingeladen, bei dem elf Künstler Objekte direkt in die Landschaft um den Ort Neuenkirchen bauten. Pagfes, der in den Jahren zuvor viel mit naturbelassenem Holz und gebrochenen, unbehandelten Steinen gearbeitet hatte, besann sich bei seiner Landschafts-Arbeit in Neuenkirchen auf seine künstlerischen Anfänge: Er, begann, wieder, zu malen. Durch einen rechteckigen, schütteren Fichtenwald zog er einen diagonalen bleu-rosa Farbstreifen. Auf einer Breite von zwei Metern hat er in Augenhöhe den Bäumen farbige Ringe umgelegt. Der Wald bekam einen Hauch von Poesie an einer Stelle, an derer durch trockenes, brüchiges Unterholz alles andere als märchenhaft oder romantisch erschien. Nach fünf Jahren ist nun Bernard Pagfes wieder in Neuenkirchen präsent, mit einer Retrospektive, die zehn Jahre seines Schaffens vorstellt. Die Ausstellung wurde vom Centre Pompidou zusammengestellt und war zum Jahreswechsel 1982/83 in Paris zu sehen. Neuenkirchen ist die erste Station einer kleinen Weltreise; Oslo, Kopenhagen und Tokio folgen noch. Pagès, der in der Nähe von Nizza lebt, arbeitet an seinen Objekten und Skulpturen zwar weitgehend im Freien, aber er bestimmt deshalb seine Werke nicht in erster Linie für den Außenraum. Die Arbeiten seit den frühen siebziger Jahren gliedern sich in drei deutlich getrennte Bereiche: Bis 1975 probiert Pagfes alle (handwerklichen) Möglichkeiten durch, zwei materialgleiche Stücke (vorwiegend kurze Aststücke) miteinander zu verbinden. Es entstanden Serien von Materialassemblagen mit einem spröden ästhetischen Reiz. Als neuer Bindestoff kam Zement, Beton oder Gips hinzu, vielfach durchsetzt von zartfarbigen Stein- oder Ziegelbrocken. Aus den kugeligen Objekten entwickelten sich stelenförmige Säulen, die seit zwei Jahren das Werk von Bernard Pagfes beherrschen. Sie entstehen durch das Aufeinandertürmen gleichartiger wie auch verschiedener Material-„Blöcke“. Sie wachsen aus Ziegeln, Hohlblocksteinen, Felsbrocken, Baumringen oder scheibenförmigen Olivenholzwurzeln zu Höhen zwischen zwei und drei Metern. Pagfes baut seine Arbeiten Stück für Stück auf. Dennoch hat das einzelne Werk einen ausgeprägt individuellen Charakter. Die Materialaddition ergibt zwar das Grundmuster, den künstlerischen und ästhetischen Akzent setzen jedoch die Verbindungselemente und die Kolorierung. Gips, Beton oder Zement hält einerseits die Natursteine, Marmorplatten, Ziegelbruchstücke zusammen, verleiht ihnen andererseits durch kantigen Verputz oder ornamentales Verschmieren einen mal eigenwillig verspielten, mal geometrisch strengen Charakter. Dieses „Bild“ wird unterstützt von einer sensiblen Farbigkeit. Das Eigenkolorit der Materialien bestimmt den Grad der künstlerischen Bemalung. Pagfes färbt nur die Verbindungmaterialien zusätzlich ein. Die Palette ist auf rote, gelbe und blaue Töne beschränkt. Mit der Farbe fängt Pagfes die landschaftlichen Stimmungen ein. Verblüffend ist, wieviel Sinnenfreude und Variationsreichtum der Künstler aus dem wahrlich simplen Bauprinzip des Aufeinandertürmens entwickelt. (Kunstverein Springhornhof bis 13. November, Katalog nur in französisch). Heinz Thiel

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Bilder vom irdischen Glück“ (Schloß Charlottenburg bis 13. 11., Katalog 20 Mark)

Berlin: „Alex Colville“ (Staatliche Kunsthalle bis 14. 11., Katalog 30 Mark)

Berlin: „Picasso – Plastiken“ (Nationalgalerie bis 27. 11., Katalog 40 Mark)

Bielefeld: „Georges Senat – Zeichnungen“ (Kunsthalle bis 25. 12., Katalog 35 Mark)