In der Kronkolonie wechseln Boom und Krise einander ab

Von Gabriele Venzky

Jeden Abend nimmt Ihre Majestät in einem grünen Sommerkleid und dem obligaten königlichen Hut die Parade einer Abteilung chinesischer Gurkhas ab. Unter den Klängen von God save the Queen, versteht sich. So wird das Fernsehprogramm in der britischen Kronkolonie Hongkong beendet. Noch. Und damit auch niemand auf dumme Gedanken kommt, versichert davor eine sonore Stimme im letzten der vielen Werbespots des Abends: „Hongkong ist einer der besten Plätze der Welt für elektronische Produkte. Deshalb sind wir hier und deshalb bleiben wir auch hier.“

Nach zwei Wochen der Panik und Unsicherheit ist in Hongkong wieder Alltag – oberflächlich gesehen zumindest. Überall werden die Schäden ausgebessert, die der politische Taifun aus Richtung Peking hinterlassen hat. So strömten am Wochenende die Menschen zum erstenmal wieder in Scharen heraus aus der Stadt nach Stanley und Aberdeen, zum Essen und Feilschen auf den dortigen Märkten. Erst die rote Flagge scheuchte sie alle wieder in die Busse: Taifun-Alarm dritte Stufe. Doch diesmal handelte es sich glücklicherweise nur um einen tropischen Sturm, der zögernd und unentschlossen Kurs auf die Kolonie nahm.

Dennoch ist das kapitalistischste Paradies dieser Erde in die rauhe Erdenwirklichkeit gezerrt worden, unwiderruflich, so scheint es. Denn wie ein Damoklesschwert hängt unverändert die Frage über der Kronkolonie: Was geschieht nach dem 30. Juni 1997 – oder vielleicht schon früher wenn Hongkong chinesisch wird?

Gewiß, die jüngste Gesprächsrunde zwischen Chinesen und Engländern über die Zukunft der Kolonie hat die Gemüter etwas beruhigt, obwohl immer wieder hinter verschlossenen Türen getagt wurde. Doch nachdem man sich nach der vorausgegangenen vierten Verhandlungsrunde verärgert und ohne Kommentar getrennt hatte, war jetzt zumindest von einem „nützlichen und konstruktiven“ Meinungsaustausch die Rede. Sowohl Peking als auch London – so hofft man hier in Hongkong – haben wohl eingesehen, daß sie mit ihrer bisherigen Sturheit nicht nur die Kronkolonie ruinieren, sondern sich auch ins eigene Fleisch schneiden. In Hongkong ist man jetzt nur allzu bereit, sich selbst an den kleinsten Strohhalm zu klammern.

Ebenso entscheidend wie der politische Klimawechsel ist die Tatsache, daß das in Panik geratene Finanzzentrum – immerhin das drittgrößte der Welt und das größte in Asien – sich wieder stabilisiert hat. Auf dem Höhepunkt der Vertrauenskrise war der Kurs des Hongkong-Dollar gegenüber dem amerikanischen Dollar auf 9,60 gerutscht. Die Bewohner der Kronkolonie, die sahen, wie ihre Währung innerhalb kurzer Zeit dreißig Prozent an Wert verlor, stürmten die Banken. Sie wollten, zu welchem Kurs auch immer, amerikanische Dollar kaufen. Das hörte erst auf, als die Regierung sich schließlich entschloß, in den freien Markt einzugreifen, der bisher als unantastbar galt. Sie setzte den Kurs bei 7,80 fest.