Von Ulrich Greiner

Manchmal ist einfach nichts los im Kulturbetrieb. Zwar gibt es neue Bücher, neue Filme, hier findet eine Premiere statt, dort ein Festival, aber irgend etwas fehlt, nirgends eine schwere Krise, nirgends Streit, nichts los.

In solch langweiligen Zeiten, wo es überall kracht, nur nicht in der Kultur, freuen wir uns auf den Montag. Dann erscheint der Spiegel, und der bringt Schwung in den Betrieb, wo kein Wind ist, macht er welchen, wo kein Stunk ist, erfindet er einen. Während die streberhaften Feuilletonisten anderer Zeitungen die Leser mit den Ergebnissen ihres Lesens, Nachdenkens und Recherchierens anöden, kommt der Spiegel am Montag und wirft Knallfrösche. Zwar hat er meistens nicht nachgelesen und nicht nachgedacht, und die Recherchen kommen von den ins Archiv entsandten Korrespondenten, aber es knallt und stinkt, mal links, mal rechts, und jetzt ist endlich was los im Kulturbetrieb.

Knallfrösche zu schmeißen, ist riskant. Manchmal fahren sie einem selber zwischen die Beine und gehen unterm eigenen Hintern los. Im Spiegel haben sie extra einen Mann für diese undankbare Aufgabe abgestellt. Er heißt Christian Schultz-Gerstein. Ich stelle mir vor, daß die Kollegen, wenn ein langweiliger Montag droht, ihren Christian voranschicken, damit er die Zündhölzer aus der Hosentasche zieht, und ein bißchen kokelt. Alle haben dann ihren Spaß

Schultz-Gerstein ist komisch, daß muß man zugeben. Er ist grundsätzlich immer gegenteiliger Meinung. Wenn viele finden, daß Gerhard Zwerenz ein nicht sonderlich bemerkenswerter Schriftsteller ist, dann findet Schultz-Gerstein, daß er das sehr wohl sei, und daß die deutschen Feuilletons Ressentiments gegen Zwerenz hegen, weil er sich dem Betrieb nicht anpasse. Richtig ist natürlich das Gegenteil, aber Schultz-Gerstein wendet seinen Eifer daran, uns zu beweisen, wie blöde wir sind, und nicht daran, wie gut Zwerenz sei.

Und wenn viele finden, daß Wolfgang Koeppen ein bedeutender Schriftsteller ist, der noch zu wenig Leser hat, dann redet Schultz-Gerstein von einem „Koeppen-Kult“ und beschimpft die paar Leute, die sich für ihn einsetzen, allen voran seinen Feind Marcel Reich-Ranicki. Den nannte er einmal einen „furchtbaren Kunst-Richter“ und münzte ein gegen den ehemaligen Nazi Filbinger gerichtetes Wort auf einen Mann um, der Jude ist und im Warschauer Ghetto war. Das wußte auch Schultz-Gerstein, der schrieb, Reich-Ranickis Position verdanke sich einem Ghetto-Bonus. Das war mehr als komisch. Aber so ist er eben, der Krachmacher vom Spiegel. Immer haut er drauf, meistens daneben, Hauptsache Krach.

Kürzlich gab es wieder einen der beliebten Montag-Späße. Schultz-Gerstein entdeckte eine „linke Wende im Kulturbetrieb“ und meinte damit: die analytisch gestählten Intellektuellen öffneten willig ihre Herzen dem neuen Friedenskitsch. Die deutschen Feuilletons, denen man einen übermäßigen Unterhaltungswert wahrscheinlich nicht nachsagen kann, beschuldigte er eines infantilen Hanges zum Frohsinn: „Die linken deutschen Feuilleton-Intellektuellen wollen nicht länger mit Schwarzsehern und Miesmachern verwechselt werden. Sie haben in der diesjährigen Meinungs- und Bekenntnis-Saison eine für Linke ungewöhnliche Wende vollzogen: die Wende zu Optimismus und Lebensfreude“. Er beschrieb die in friedensbewegten Gruppen herrschende Sehnsucht nach friedfertiger Begeisterung und behauptete, die deutschen Intellektuellen ließen sich neuerdings von dieser „linken KdF-Stimmung“ anstecken. „So höhnt man jetzt in den sich links gebärdenden Feuilletons jener analytischen Anstrengungen, mit denen man vor Jahren noch Eindruck geschunden hat. Auf eine Formel gebracht lautet Schultz-Gersteins Kritik: opportunistische Gesinnungslosigkeit.