Von Walther Killy

Zum poetischen Vorrat, den man in Deutschland mit sich trug, gehörten einstmals auch die Verse aus dem „Wilhelm Meister“: Wer nie sein Brot mit Thränen aß, wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Jeder wußte, daß Goethe ihr Autor sei, und die vielgerühmte Königin Luise soll dies Stück Gegenwartsliteratur auf der Flucht mit dem Diamanten ihres Fingerrings in die Fensterscheibe eines ostpreußischen Hauses geritzt haben. Was ihr dabei vermutlich nicht geläufig war und den Gebildeten unseres Jahrhunderts gewiß nicht, war die Tatsache, daß das Gedicht nicht ohne den Psalter Davids zustande gekommen wäre. Da hieß es von den Bedrängten in der unverkennbaren Version Martin Luthers: Du speisest sie mit Thränenbrot und tränkest sie mit großen Maß von Thränen und dazu Ich bin so müde von Seufzern ... und netze mit meinem Thränen mein Lager.

Der Wortlaut war Goethe von Kindheit an vertraut, und es ist nicht erheblich, ob dem Dichter diese oder andere Stellen bewußt waren, als er das Lied des Harfners schrieb; wichtig ist, daß ihm hier wie bei ungezählten Gelegenheiten die Sprach- und Bilderwelt der Lutherschen Bibel als ein selbstverständlicher Fundus zur Verfügung stand – und nicht nur ihm. Denn für lange Zeit war der Luthertext die Grundlage aller Literalität, jedenfalls im protestantischen Deutschland. Man konnte ihm nicht entgehen, nicht beim obligaten Kirchenbesuch und erst recht nicht in der Schule. An ihm wurde Lesen und Schreiben geübt: im Schönschreibunterricht, den das Kind Goethe von einem Privatlehrer erhielt, ebenso wie in der Dorfschule, wo der Kantor die mühsam gelernten Sprüche auswendig lernen und überdies das geschwinde Aufschlagen jeder beliebigen Bibelstelle exerzieren ließ. Die klugen Pädagogen wußten, daß auch ein unverstandener Vers beim Kinde haften bleibt und vielleicht zu späterer Zeit seine Bedeutung geltend machen konnte.

So kam es, daß die deutsche Sprache insgesamt getränkt war mit Lutherschen Wendungen, mit Worten wie himmelhochschreiend, mit Blindheit geschlagen, Fleisch und Blut, das Leben sauer machen, Fleischtöpfe Ägyptens, Nächstenliebe, durch die Finger sehen, Dom im Auge, ohne Ansehn der Person, im dunkeln tappen, Schandfleck, sein Herz ausschütten, sich einen Namen machen, Lückenbüßer, die Haare stehen zu Berge, Gewissensbisse, Jugendsünden, grünen und blühen, herzzerreißend, Fallstrick, mit Zittern und Zagen, der Teufel ist los – und so fort, viele Spalten wären zu füllen mit Worten und Redeweisen, welche die Sprache Luther verdankt. Zu dem Fundus von Worten kam der vielleicht noch wichtigere und inzwischen weitgehend verlorene Fundus von Biblischen Geschichten und Personen. Sie gaben einen unerschöpflichen Stoff in der Färbung Luthers her, nützlich als Mittel der Verständigung (man wußte, wer Potiphars Frau war oder Urias, kannte David und Goliath und den blinden Tobias), nützlich auch zur Erwägung und Belehrung, nützlich schließlich für Maler und Dichter, bis hin zu Thomas Mann.

Man hat lange gewußt, was die deutsche Sprache diesem ihrem fundamentalen Sprachwerk verdankte. Schon im Todesjahr Luthers schrieb ein Chronist in Magdeburg: Er hat die Biblia also wohl verdeutschet, daß einem, so darinne lieset, sein Herz im Leibe mochte vor Freude springen. Nie hat ein literarisches Urteil dauerhafteren Bestand gehabt. Fast fünfhundert Jahre später gab Bertolt Brecht auf die Frage, welches der bedeutendste literarische Einfluß auf ihn gewesen sei, die berühmte Antwort: Sie werden lachen, die Bibel. Die größten Sprachgenies hielten Luther für einen Sprachmeister. Er ists, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgewecket und losgebunden, so schrieb Herder. Goethe meinte, erst durch Luthers Sprache seien die Deutschen ein Volk geworden. Nietzsche schrieb apodiktisch: Unser letztes Ereignis ist immer noch Luther, unser einziges Buch immer noch die Bibel.

Er war sich darin einig mit dem von ihm als Dichter hochverehrten Heine, der den Grundsatz hatte: Wer über neuere deutsche Literatur reden will... muß mit Luther beginnen. Und die Franzosen belehrte er, daß durch diese Bibel, wovon die junge Presse, die Schwarze Kunst, Tausende von Exemplaren ins Volk schleuderte, die Lutherische Sprache in wenigen Jahren über ganz Deutschland verbreitet und zur allgemeinen Schriftsprache erhoben wurde. Diese Schriftsprache herrscht noch immer in Deutschland und gibt diesem politisch und religiös zerstückelten Lande die literärische Einheit. Dieses alte Buch ist eine ewige Quelle der Verjüngung für unsere Sprache. Man könnte solche Zeugnisse fast beliebig vermehren, von Hamann über Goethe und Friedrich Engels bis hin zu Thomas Mann, der, höchst charakteristisch, in dem Aufsatz „Die drei Gewaltigen“ das von Heine übernommene Urteil nur wenig abgewandelt, als sein eigenes erscheinen ließ: ... seine Bibelübersetzung, eine literarische Tat ersten Ranges, von der jungen Druckerpresse in Tausenden von Exemplaren ins Volk geschleudert... schuf die deutsche Schriftsprache und gab dem politisch und religiös zerrissenen Lande die literarische Einheit.

Wenn so viele, zumeist unabhängige Geister, über so lange Zeit solche Meinung wiederholten, so deutet alles darauf hin, daß nicht von einem nationalen Mythus, sondern von einer immer wieder erneuerten literarischen Erfahrung die Rede war. Den Mythus Luther geb es freilich auch. Er trat in dem Maße hervor, in dem Luthers eigentlicher Beweggrund, das Evangelium, zurücktrat und die Gestalt des Reformators wichtiger wurde als seine Botschaft. Wenn der alte Hans Sachs als Zeitgenosse die Wittembergische Nachtigall Die man jetzt höret überall besang, so stand für ihn im Mittelpunkt der Aufruf: Darum, ihr Christen, wo ihr seid, kehrt wieder aus des Papbstes Wüste zu unseren Hirten Jesu Christe. Wenn aber zweihundert Jahr später Johann Heinrich Voß (als Übersetzer eine Art Kollege) ein Gedicht unter dem Titel „Luthersinn“ verfaßte, so war das nicht mehr der fromme alte Sinn. Sorglos gehn wir unsem Gang! hieß es da, wer nicht mitgehn konnte, sank! Zwar manch Pfäfflein meint es übel: Doch uns schafft Vernunft und Bibel Siegsgesang. Solcher Siegsgesang war zwar nicht poetisch, aber handfest ideologisch konzentriert in der Devise Vernunft und Bibel, wobei die Reihenfolge der beiden Hauptwörter bemerkenswert ist.