Böswillige machen dieser Regierung den Vorwurf, sie tue nichts. Er stimmt im großen ganzen. Aber ist das so tadelnswert? Ist es nicht immer noch besser, als wenn sie zuviel tut und damit nur Unfug anrichtet? Ging die letzte Regierung nicht an ihrer hektischen Betriebsamkeit zugrunde? Wer nichts tut, kann zumindest keine Fehler begehen. Das ist nicht wenig.

Wie es sich gehört, geht der Kanzler mit lobenswertem Beispiel voran. Er übt sogar bei seinen Ministern eine gewisse Leistungskontrolle aus, um zu verhindern, daß in den Ministerien zuviel getan wird. Kaum sitzt er morgens hinter seinem Schreibtisch, schon ruft er seinen Regierungssprecher Boehnisch an und fragt ihn belustigt: „Was machen Sie gerade, Herr Boehnisch?“ Dieser, kauend: „Ich frühstücke.“

„Lassen Sie’s sich wohl munden. Haben Sie mir diese vielen Akten hingelegt? Was soll ich damit? Übrigens: wenn mich jemand sprechen will – sagen Sie dem, ich mache gerade meine Hausaufgaben. Und Sie sollten sich auch nicht überarbeiten. Machen Sie bald mal eine Mittagspause, Herr Boehnisch.“

Dann ruft Kohl Blüm an. Schon von seinem Job her steht er beim Kanzler im Verdacht, zuviel des Guten zu tun. Als ihn Kohl erreicht, wirkt er atemlos. „Sicher haben Sie heute morgen schon drei Hörfunkinterviews hinter sich und zwei Rentenentwürfe geprüft“, foppt ihn Kohl. Blüm, der sich ertappt fühlt, verspricht, ein gemächlicheres Tempo einzulegen.

Schon leicht erschöpft von seinen Telephonaten, läßt Kohl sich mit Geißler verbinden. Geißler ist sofort am Apparat und wirkt verdächtig aktiv.

„Was tun Sie gerade?“ erkundigt sich der Kanzler hinterhältig. „Wenn Sie’s genau wissen wollen: Ich spitze Bleistifte an.“ Damit gibt sich der Kanzler natürlich nicht zufrieden.

„Also gut: Ich arbeite gerade an einem Leitfaden für politisch-historische Tiefschläge.“ „Aber überarbeiten Sie sich nicht dabei!“ rät ihm der Kanzler. Darauf läßt er sich mit Stoltenberg verbinden, der als sehr arbeitsam gilt. Jetzt beteuert der, er habe schon seit zwei Tagen so gut wie nichts getan, was ihm der Kanzler nicht so recht abnimmt. Vielleicht tut er nur so, als tue er nichts.