Es ist schon eine groteske Situation: Da sitzt man einer Gruppe von fünfundzwanzig Handelsschülern gegenüber, bei denen zur Hälfte im Klassenbuch in der Spalte Konfession das übliche „luth.“ eingetragen ist, und die meisten dieser „luth.-Schüler“ behaupten mit hartnäckigem Kopfschütteln, von einem Mann namens Luther nie gehört zu haben.

Nun ist es kein Geheimnis, daß Schüler bei lästigen Fragen aus Bequemlichkeit zunächst einmal dazu neigen, alles abzustreiten, aber mein aufdringliches Weiterfragen führt tatsächlich nur bei zwei Mädchen zum Erfolg. Diese beiden haben schon von Reformation, Bibelübersetzung und Bannbulle gehört.

Vier anwesende „ref.-Schüler“ – bei uns leben Lutheraner und Reformierte in selbständigen Gemeinden friedlich nebeneinander – sind ebenfalls überfordert, ich verkneife mir deshalb nach Calvin und Zwingli zu fragen; bei den restlichen „kath.-Schülern“, die bei mir am Religionsunterricht teilnehmen, kommt Interesse auf. Sie scheinen zumindest zu wissen, daß dieser Luther nicht zu den Heiligen ihrer Kirchengeschichte gehört. Drei von ihnen wissen, daß er etwas mit der Kirchenspaltung zu tun hat.

„Das Thema Martin Luther und die Reformation kann man sich in diesem Jahr einfach nicht entgehen lassen“, hatte mir ein älterer Kollege vorgeschlagen. Immerhin ist vom Lutherjahr die Rede, und selbst die feindlichen Brüder Bundesrepublik und DDR erinnern sich, wenn auch mit der üblichen verwandtschaftlichen Zurückhaltung, an den gemeinsamen Ziehvater im (protestantischen) Glauben. Das erfreuliche Ereignis dieses Wetteiferns um den großen Wittenberger: Luthervorträge, landauf, landab, in der kleinsten Diasporagemeinde im katholischen Bayern und in der kleinsten Gemeinde der DDR.

Erste Ernüchterung im Schulbetrieb: Jubiläen gehen an den meisten Schülern spurlos vorbei, es gelingt ihnen, mit akribischer Sorgfalt der Funk-, Fernseh- und Presseberichterstattung zu entkommen. Aber gerade diese Tatsache muß den Pädagogen dazu verleiten, den Schüler mit dem Kulturjubiläum zu konfrontieren, ablehnen kann er, der Schüler, immer noch.

Nur Rosinen für die Schüler

Meine Planung für das Lutherjahr sieht in jeder Klasse, in der ich evangelischen Religionsunterricht erteile, eine mehrwöchige Beschäftigung mit der Person und dem Werk, vor. Aus der Fülle des Materials sind Rosinen auszupicken, damit zum Ende des Themenkomplexes vielleicht die Hälfte der Schüler ein paar Daten und Informationen zum Stichwort Luther präsent hat.