Von Kurt Becker

Die westlichen Verteidigungsminister haben sich in der vergangenen Woche in Ottawa politisch klug, strategisch rational und, auf die öffentliche Stimmung bezogen, psychologisch einfühlsam verhalten. Ihr Beschluß, das in Westeuropa und überwiegend in der Bundesrepublik lagernde Vernichtungspotential von 6000 nuklearen Sprengköpfen um 1400 Waffen zu vermindern, ist als eine politische Demonstration gedacht. Er bekräftigt den Willen zur Abrüstung, notfalls auch zu einseitigen Maßnahmen, wo immer dies ohne ein neues Risiko für das Bündnis angängig ist. Immerhin verfahren die Russen gegenwärtig völlig anders: Sie schicken sich an, ihre taktischen Kernwaffen in der DDR und der Tschechoslowakei zu verstärken.

Der Beschluß von Ottawa spiegelt den tiefgreifenden Wandel wider, der sich allmählich, aber kontinuierlich bei der westlichen Einschätzung des politischen und militärischen Wertes der nuklearen Abschreckung eingestellt hat. Denn es gab ja schon einmal, vor achtzehn Jahren, ein dramatisches Ereignis auf dem Felde der taktischen Kernwaffen für Westeuropa. Nur damals, im Jahre 1965, fuhr der Zug in die genau entgegengesetzte Richtung. Auch zu jener Zeit ging es darum, das Vertrauen der westlichen Nationen in die Sicherheitspolitik der Allianz zu stärken und besonders für das militärische Engagement Amerikas an der Verteidigung Europas einen eindrucksvollen Beweis zu liefern. Auch damals konzentrierte sich die transatlantische Debatte darauf, die nukleare Führungsmacht Amerika mit den europäischen Nicht-Kernwaffenbesitzern so miteinander zu verklammern, daß kein allzu großer Unterschied im Sicherheitsrisiko zwischen hüben und drüben entstehen konnte. Nur war das Mittel gänzlich anders: Vorgeschlagen wurde eine kollektive, schwimmende Atomstreitmacht, nach dem Leitmotiv: Nukleare Mitbestimmung durch nuklearen Mitbesitz.

Doch entdeckten nicht nur die Amerikaner bald einen Pferdefuß an diesem ehrgeizigen Projekt und ließen es ziemlich abrupt fallen. Schließlich durchschlugen sie den gordischen Knoten durch einen höchst erfolgreichen Doppelbeschluß. Erstens gründeten sie die Nukleare Planungsgruppe, die seither den Verteidigungsministern durch Konsultation oder wenigstens durch Information einen Einblick in amerikanische Absichten und Verfahrensregeln für den atomaren Krisenfall ermöglicht. Und zweitens stockten die Vereinigten Staaten die Atomarsenale in Westeuropa um mehrere tausend taktische Kernwaffen auf. Die Vertrauenskrise im Bündnis verflog über Nacht. Das amerikanische Engagement zur Verteidigung Europas war von jedem Zweifel befreit, getreu dem damaligen Zeitgeist: Je mehr amerikanische Kernwaffen in Europa stationiert sind, desto überzeugender die Verteidigungsgarantie.

Der erfolgreiche Verteidigungsminister in Washington, der die beiden Entscheidungen durchsetzte, war Robert S. McNamara. Er ist heute ein leidenschaftlicher Kritiker der Abschreckung mit taktischen Kernwaffen gegen einen konventionell geführten Angriff. Jetzt lautet sein Leitmotiv: Kernwaffen sind militärisch absolut sinnlos, außer daß sie einen Gegner davon abschrecken können, als erster zu Atomwaffen zu greifen.

Die Entstehungsgeschichte des Nato-Doppelbeschlusses fällt zusammen mit der allmählich, doch kontinuierlich wachsenden Skepsis gegenüber atomaren Gefechtsfeldwaffen. In der Logik dieser Korrektur lag denn auch die Entscheidung vom Dezember 1979, den Doppelbeschluß mit einer rigorosen Überprüfung der taktischen Kernwaffenbestände zu verbinden. Zunächst wurden tausend Sprengköpfe aus dem Arsenal abgezogen. Eine Expertengruppe wurde mit der Prüfung weiterer Reduzierungen beauftragt.

Seit dem Doppelbeschluß sind die Bündnismitglieder noch mehr als zuvor davon überzeugt, daß die konventionellen Fähigkeiten zur Verteidigung ausgebaut werden müßten. Damit büßt auch die Abschreckung durch nuklearbestückte Gefechtswaffen ihre frühere Bedeutung immer mehr ein. Aus dieser Erkenntnis hat der Beschluß von Ottawa nun die folgenden Konsequenzen gezogen: