Urs Widmer: Wiederkehr des Gleichen?

Nichts ist je das Gleiche: das Innen nicht (dieses Zellensterben), nicht das Außen. Nadeln regnen von den Tannen, eine genügt für eine Veränderung des Ganzen.

Könnte einer tausend Jahre lang leben, ewig, sähe er die Bäume wie Pfeile aus dem Boden schießen und verdorren. Das Blühen der Blumen und das Wachsen des Klees ginge ihm zu schnell: ein graufarbener Huscher. Staate, von fern gesehen, ein Gewusel: Häuser wachsend und stürzend. Der Tag und die Nacht ein hektisches Augenblinzeln. Meine Frau (sie nicht zum Leben verurteilt) zu Beginn meines Kusses ein jungfräuliches Mädchen, wenn wir uns lösten eine Greisin.

Dennoch. Zwei Dinge machen mir, glaube ich, die größte Mühe, sie stets neu zu verstehen: daß, was ich den andern zuschiebe, fast stets ich selber bin; bis hin zum Wetter. Und daß ich Tag für Tag ein uraltes Lebensmuster wiederhole. Kein Fettnapf des eigenen Gesetzes, in den ich nicht täglich träte. Freiheit: herzlich und ohne Sorge neben den Fettnäpfen zu wandeln?

Natürlich versuche ich auch, mein Gesetz lieb zu haben: Es wäre sonst nicht auszuhalten, und zuweilen schmelzen Dämonen besiegt dahin, wenn man ihnen zärtlich in die Augen schaut.

Und nun zur Literatur: Warum hat sie – nur sie – stets neu zu sein? Anders? Soll sie auch hier wieder Stellvertreterin unseres gemeinsamen Versagens sein? Freiheiten behaupten, die wir selber nie einlösen können, und sie selber, da sie Menschenwerk ist, auch nicht? Die immer neue Autonomie in der immer andern Sprache: du schöner Traum.

Erfinden, das ist möglichst genau abschreiben in sich selbst, und wenn man es lange genug tut (gelernt hat, den zufälligen Schwemmschutt von außen vom tiefsitzenden Mythos zu trennen), wird das Plagiat die wahrhaftigste Form der Literatur.