Von Hermann Bößenecker

Der Chef wird ein Franzose sein, die Haussprache Englisch und der Standort im Kaum München. Drei führende europäische Computer-Hersteller sind übereingekommen, nach dieser Konzeption ein Institut zu gründen, das von Anfang 1984 an „im Vorfeld des Wettbewerbs“ gemeinsam für die Großrechner von morgen forschen und damit Amerikanern und Japanern Paroli bieten soll. Die Verträge werden noch in diesem Jahr unterzeichnet.

Der deutsche Elektrokonzern Siemens, die französische Compagnie des Machines Bull und die britische International Computer Ltd. (ICL) ziehen damit die Konsequenz aus der Sorge, die Europäer könnten bei der „Fünften Computer-Generation“ ins Hintertreffen geraten. Um diese bemühen sich vor allem die Japaner mit einem vor eineinhalb Jahren von sechs Firmen gemeinsam mit dem Handelsministerium MITI ins Leben gerufenen Institut, das in den nächsten Jahren über eine Milliarde Mark aufwenden soll. (Siehe auch S. 36 „Japan gibt sich harmlos“.)

Wie in Japan, so soll sich auch die Arbeit des Münchner Instituts vor allem auf die „Wissenverarbeitung“ konzentrieren: ein Begriff, mit dem nicht einmal der EDV-Fachmann viel anfangen kann. Das Ziel ist, die neuen Großrechner für die neunziger Jahre lernfähiger und damit menschlicher Intelligenz ähnlicher zu machen. Die Rede ist deshalb bereits von „cognitiven Systemen“ und „künstlicher Intelligenz“ – wie die Denkmaschinen der Zukunft aus dem Münchner Denklabor aber letztlich aussehen werden, darüber sind heute allenfalls Vermutungen möglich.

Zum trinationalen „Braintrust“ sollen nicht nur Spitzenkräfte der drei Gründerfirmen stoßen, die zu gleichen Teilen das Institut finanzieren, sondern auch Wissenschaftler von anderer Seite. Ebenso ist die Mitarbeit von Forschern an Hochschulen und öffentlichen Institutionen willkommen. In zwei Jahren soll das Expertenteam ein halbes hundert Köpfe zählen.

Diese auch im Ausland vielbeachtete Initiative ist nicht zu vergleichen mit dem gescheiterten Computer-Dreierbund „Unidata“ in den siebziger Jahren zwischen Siemens, der französischen CD (die inzwischen in Bull aufgegangen ist) und dem holländischen Philips-Konzern. Damals sollte das gesamte Computer-Geschäft dieser Firmen gebündelt werden. Jetzt gehen die drei Unternehmen nur in einem Teilbereich eine relativ lockere Bindung ein. Die eigenen Forschungsanstrengungen sollen nicht darunter leiden. Und auch wenn das Dreier-Institut sicherlich wichtigster Ansprechpartner für das Forschungsvorhaben der Europäischen Gemeinschaft mit ähnlichem Ziel (Kürzel ESPRIT) sein wird, so sind die drei Firmen doch frei, auch hier von Fall zu Fall getrennt voneinander zu operieren.

Sicherlich ist die Dreier-Kooperation auch Ausdruck des neuen Stils, der bei Siemens in den letzten beiden Jahren Einzug gehalten hat. Davor war der chronisch defizitäre Bereich Datenverarbeitung des Elektrokonzerns in der Öffentlichkeit immer wieder wegen ihrer Pannen und Versäumnisse kritisiert worden. Der „Außenseiter“ Claus Kessler, heute 53, wurde Mitte 1981 vom Unternehmensbereich Energietechnik in Erlangen in die Siemens Computer-Zentrale in München-Perlach („Datasibirsk“) beordert, um dort endlich die Verluste wegzudrücken.