Die Zukunft gehört uns!“ war das letzte Wort des französischen „utopischen Sozialisten“ Henri de Saint-Simon, als er 1825 in ärmlichsten Verhältnissen starb. Seinen uralten Grafentitel hatte er schon während der Französischen Revolution abgelegt. Karl Marx hat wohl kaum eine seiner Schriften während aber die geniale Breite seiner Einrichten hoch geachtet. Sein „Neues Christentum in seinem Todesjahr veröffentlicht, zeigt als Endpunkt seiner Gedanken die Überzeugung des vormaligen Freigeistes, daß die Gesellschaft der Zukunft nichts nötiger habe als Religion. Die „Neue Kirche“ freilich, in der seine Schuler die Gedanken des Meisters verwirklichen wollten, ist nach wenigen Jahren zu Fall gekommen. Immerhin war Heinrich Heine, als er 1831 nach Paris kam, von diesen Ideen so begeistert, daß er hier etwas wie ein „neues Evangelium“ entdeckt zu haben glaubte.

Als „neu“ dokumentiert Saint-Simon sein Christentum schon damit, daß er es in schärfster Auseinandersetzung mit der katholischen und mit der protestantischen Ausformung des Christentums entwickelt. „Gott hat gesagt: Alle Menschen sollen sich gegenseitig als Brüder behandeln!“ ist sein Kernsatz, entfaltet in einem Dialog zwischen einem „Konservativen“ und einem „Neuerer“, der schließlich den andern bekehrt. Dieser Kernsatz des Christentums schält sich heraus, wenn man alle vom Klerus ersonnenen „Zutaten“ wegstreicht. So entlarvt Saint-Simon in einer feierlichen Anklage nach der andern das Papsttum, die protestantische Religion als Ketzerei. Dabei ist es im Lutherjahr 1983 für den evangelischen Leser bemerkenswert, wie intensiv ein aufgeklärter Franzose der damaligen Zeit sich mit dem deutschen Reformator befaßt, und noch reizvoller, daß er seine Ideen eines „Neuen Christentums“ ausgerechnet durch Martin Luther in Form einer Anrede an den Papst aussprechen läßt: „...daß Ihr dem Menschengeschlecht das Maximum von Glückseligkeit während seines Erdendaseins verschafft...“.

Aber da sich Luthers Reformation eben doch nicht auf diese Forderung zurückführen ließ, werden schließlich die christlichen Kirchen samt und sonders als Ketzer gebrandmarkt. Das „Neue Christentum“ wird vor allem die schlimmen gesellschaftlichen Verhältnisse ändern: „Die neue christliche Organisation wird sowohl die weltlichen als auch die geistigen Einrichtungen auf das Prinzip gründen, daß alle Menschen einander als Brüder behandeln.“ Dabei geht es darum, den Politikern und dem Klerus die Macht abzunehmen und dafür „die Gelehrten, Künstler und Industriellen zu vereinigen und ihnen die allgemeine Leitung des Menschengeschlechts und die Wahrung der besonderen Interessen der einzelnen Völker zu übertragen.“ Sie sollen allen Völkern den Zustand ewigen Friedens bringen. So wird die erhabene Aufgabe der Religion erfüllt, „die Gesellschaft dem großen Ziel einer möglichst raschen Verbesserung des Loses der ärmsten Klasse zuzulenken“.

Der Anspruch ist groß, der Optimismus unbegrenzt, das prophetische Selbstbewußtsein stark, besonders in dem abschließenden Manifest an die Fürsten der Heiligen Allianz von 1815: „Hört die Fürsten Gottes, die aus meinem Munde zu euch spricht... Vereinigt euch im Namen des euch spricht. und erfüllt alle die Pflichten, die es den Mächtigen auferlegt... alle Kräfte der möglichst raschen Steigerung des sozialen Glücks der Armen zu widmen!

Ein Autor der Vergangenheit hat ein Recht darauf, aus den Voraussetzungen’seiner Zeit verstanden zu werden. So werden wir als Leser dieser Schrift nach. 150 Jahren über viele zeitgebundene und zahlreiche geschichtlich zweifelhafte Urteile hinwegsehen. Dann aber bleibt, wenn auch in befremdlichem Gewande, der Versuch eines Urteile lichen“ Sozialismus: „Alle Menschen sollen einander als Brüder behandeln.“ Man kann nicht leugnen, daß daraus noch das biblische, bei Jesus grundlegende Gebot sprechen kann: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Auch für die menschliche Gemeinschaft unter den Lebensbedingungen des modernen wissenschaftlich-technischen Zeitalters hat noch niemand eine bessere Basis gefunden.

Wenn freilich Saint-Simon sein „Neues Christentum“ von dem in der Bibel gegebenen metaphysischen Hintergrund löst und auf eine rein diesseitige Moral reduziert, raubt er seinem Kernsatz genau die entscheidende Begründung. Gottesliebe und Nächstenliebe bedingen sich gegenseitig – wobei sich die Frage anfügen läßt, ob nicht die heutige Gesellschaft mit ihrer sozial und christlich gefärbten, aber von ihren Quellen gelösten eudämonischen Moral diesen Weg Saint-Simons mitgeht, etwa an dem Punkt, daß „augenscheinlich eine Hebung der Lage der Ärmeren in sittlicher und leiblicher Hinsicht nicht anders möglich ist als durch Mittel, die eine Zunahme der Lebens annehmlichkeiten auch der reichen Klasse verbürgen.“ Der Verdacht einer rein diesseitigen Religion wird auch nicht dadurch ausgeräumt, daß bei Saint-Simon das Wort „Gott“ und die metaphysische Dimension noch oder wieder auftaucht, freilich mehr in Form eines wirkungsvollen Stilmittels.

Saint-Simons Hoffnung: „Die Zukunft gehört uns!“ hat sich nicht erfüllt. Mit seinem utopischen Sozialismus ist er gescheitert, auch wenn einige von ihm geprägte Schlagworte wie „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ Geschichte gemacht haben. Sein Manifest an die Fürsten Europas, wurde vom „Kommunistischen Manifest“ verdrängt, seine Ideen einer neuen Gesellschaft von dem marxistischen Sozialismus überrollt. Aber der vielfache Anreger Saint-Simon, der bei den „religiösen Sozialisten“ aller Schattierungen nicht vergessen ist, sollte auch mit seiner letzten Schrift in der Geschichte des Sozialismus eine bessere Beachtung finden.