Nicht alle und schon gar nicht schnelle Wege führen nach Wittenberg. Aus Rom kann die Reise ein halbes Jahrtausend dauern. Dem Kardinal Willebrands aber, der dort rechtzeitig zum Luther-Jubiläum eintraf, gab der Papst eine Epistel – auf lutherdeutsch – mit, die viel Geschichte kurz hinter sich läßt. Der Reformator, der bis zu seiner letzten Predigt (1546) gegen den „vom Teufel aufgeblähten Papst“ wetterte, hätte sich gewiß nie träumen lassen, daß ihm just ein römischer Pontifex einmal zum 500. Geburtstag „tiefe Religiosität“, ja „brennende Leidenschaft für das ewige Heil“ bescheinigen würde.

Wozu also Bannstrahl und reformatorischer Eifer? Der damalige Bruch sei weder auf das Unverständnis der katholischen Hirten noch Luthers „allein“ zurückzuführen, schriebjetzt Johannes Paul II. salomonisch. Schuld müsse anerkannt werden, „gleich welche Seite sie trifft“, dies, freilich, ohne sich damit „zu Richtern der Geschichte auf zu werfen“. Gemeint ist, daß alles historischmoralische Kehren vor der eigenen Haustür die Geschichte nicht ungeschehen macht. Die verlorene Einheit sei heute im „Dialog des Glaubens“ zu suchen.

Doch welchen Beitrag leistet dazu der Papst? Wie schön bei seinem Deutschland-Besuch 1980, als ihn der EKD-Bischof Lohse auf präzise Punkte ansprach, bleibt er bei frommen Wünschen. Seine Geste für den Reformator relativiert jedoch schon als solche den Dogmenstreit. Dieser ist in unserer Welt ohnehin auch für Gläubige mehr verblaßt als Theologen wahrhaben wollen. Selbst der Papst respektiert Ketzer, und ein Luther fände ihn heute so übel nicht, um Rom total zu verdammen. Müssen aber, bis solche Toleranz sich durchsetzt, allemal Jahrhunderte vergehen und blutige Religions- – kriege geführt werden? Ein Blick auf die Ideologen, die heute die Theologen abgelöst haben, läßt es befürchten. H. St.