Von Webb Miller

Der amerikanische Journalist Webb Miller („Ich fand keinen Frieden“, Rowohlt, 1938) machte als einziger ausländischer Berichterstatter 1930 den Salzmarsch mit. Die englische Regierung hatte die Gewinnung von Satz aus dem Meer verboten, weil die Salzsteuer für sie eine wichtige Einnahmequelle war. Gandhi protestierte gegen die unsoziale Salzsteuer und organisierte einen Marsch zur Küste, um dort Salz zu gewinnen. Er selber wurde verhaftet, aber seine Anhänger machten weiter.

An einer Demonstration nahmen etwa 2500 Kongreß-Leute teil, geführt von der Dichterin Sarojini Naidu. Madame Naidu rief zum Gebet, ehe der Marsch begann, und die ganze Versammlung kniete nieder. Sie ermahnte sie: „Gandhis Leib ist im Gefängnis, aber seine Seele ist bei euch. Indiens Ruf liegt in eurer Hand. Ihr dürft unter keinen Umständen Gewalt anwenden. Man wird euch schlagen, aber ihr dürft keinen Widerstand leisten; ihr dürft keine Hand heben, um die Schläge abzuwehren.“

Ein wildes, schrilles Geschrei war das Ende ihrer Rede. Langsam und schweigend begann die Menge ihren eine halbe Meile weiten Marsch zu den Salzlagern. Einige führten Stricke mit sich, um den Stacheldrahtverhau vor den Salzpfannen auseinanderzuziehen. Etwa ein Dutzend Leute waren zu Krankenträgern bestimmt, sie trugen rohe, mit der Hand gemalte rote Kreuze auf der Brust; ihre Bahren bestanden aus Decken.

Die Salzlager waren von Wassergräben umgeben und von vierhundert Mann eingeborener Polizei in Khaki und braunen Turbanen bewacht. Ein halbes Dutzend britischer Offiziere befehligte sie. Die Polizei trug lathis – fünf Fuß lange, mit Stahlspitzen versehene Knüppel. Innerhalb des Verhaus waren fünfundzwanzig eingeborene Schützen aufgezogen.

In tiefem Schweigen marschierten die Gandhi-Leute auf und hielten etwa hundert Meter vor dem Verhau. Ein ausgesuchter Trupp löste sich von der Menge und ging vor, watete durch die Gräben und näherte sich dem Stacheldrahtverhau, vor dem die Polizei stand, die Knüppel bereit in den Händen. Polizeioffiziere befahlen dem Trupp, sich zu zerstreuen, auf Grund einer kürzlich erschienenen Verordnung, die jede Ansammlung von mehr als fünf Personen untersagte. Der Trapp überhörte schweigend die Warnung und ging langsam weiter.

Plötzlich stürzten sich auf ein Kommando Scharen eingeborener Polizei auf die Vorwärtsmarschierer, und es hagelte Knüppelhiebe mit den stahlbeschlagenen lahtis auf ihre Köpfe. Nicht einer der Demonstranten hob auch nur einen Arm, um die Hiebe abzuwehren. Sie fielen um wie die Kegel. Von meinem Platz aus hörte ich das widerliche Geräusch der Schläge auf den ungeschützten Schädeln. Die wartenden Massen der Zuschauer stöhnten und zogen die Luft durch die Zähne, jeden Hieb mitempfindend.