Eine Anthologie deutscher Melancholie-Gedichte

/ Von Michael Krüger

Hat man Gott im Herzen“, schreibt Novalis, „so grübelt man nicht.“ Hat man ihn aber daraus vertrieben oder hat er sich selber daraus entfernt, ist dieses Herz mithin leer oder wird es mir noch als Mittel begriffen, der uns für eine bestimmte Dauer am Leben erhält, dann nimmt die Grübelei darin Platz.

Diese Grübelei oder Melancholie ist, im Gegensatz zur begrenzten Trauer, ziellos, sie bohrt sich unter wechselnden! Namen – spleen, acedia, Weltschmerz, Hypochondrie – immer neue Gänge unter unserem festgebauten Haus des Wissens und der Erkenntnis und findet immer neuen Anlaß für ihren mal peinigenden, mal süßen, stets jedoch untröstlichen Schmerz.

Sie ist die nicht zu besänftigende Reaktion auf etwas für immer Verlorenes, mag das nun das Paradies, Gott, die Liebe, der Sinn oder, in kleinerem Maßstab, der Mangel an bürgerlicher Emanzipation sein.

Im Spiegelsaal der Geschichte ist sie kaum greifbar, ihr diffuser Charakter entzieht sich dem strengen Blick der Aufklärung. Und selbst wenn im individuellen Fall der von ihr Betroffene zu wissen glaubt, was ihm fehlt, ist er noch längst nicht über den Berg. Er weiß dann, wie Freud in „Trauer und Melancholie“ schreibt, „zwar wen, aber nicht, was er an ihm verloren hat“.

Die Frage nach diesem Was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin, durchzieht die europäische Geistesgeschichte wie ein schwarzgalliger Faden, und je mehr der Mensch sich über sich selber aufklärt, je genauer er weiß, was tatsächlich in ihm drinsteckt, je dringender zieht er die Melancholie als notwendigen Ausgleich an.