Von Fritz J. Raddatz

Ein seltener Fund – und eine wahre Sensation. Die Geschichte dieses Buches klingt fast wie der Beginn zu einem Roman, den Georg Lukács gut hätte analysieren können: Seit dem 7. November 1917 lag im Safe einer Heidelberger Bank ein Koffer; von dem Inhaber, einem adligen Ungarn, hatte man seit Jahrzehnten nichts gehört. Da las ein gebildet-interessierter Bankangestellter im Jahre 1972 ein schmales rororo-Bändchen: Georg Lukács, eine Monographie in Bildern und Dokumenten. Aus den biographischen Angaben des Essays identifizierte man den – inzwischen verstorbenen – Eigentümer des Koffers: Er enthielt Briefe von und an Georg Lukács. Deren Lektüre ist so wichtig für das Verständnis des Werkes eines der bedeutendsten marxistischen Theoretiker, daß man getrost den arg strapazierten Satz benutzen darf:

Seit der Edition dieser Briefe muß Biographie und Werkverständnis von Georg Lukács neu überdacht werden.

Ganz im Vordergrund steht die Liebesbeziehung zu der jungen ungarischen Malerin Irma Seidler, die nach der Lösung von Lukács 1908 heiratete und sich nach dem Scheitern der Ehe 1911 umbrachte.

Diese Jugendliebe ist nicht aus irgendwelchen voyeuristischen Gründen interessant – sondern: weil sie keine war. Lukács selbst hat – offenbar als er den Koffer zur Bank brachte und gleichsam beschloß, ihn zu vergessen – diese Briefe in eine Extraschatulle getan und mit einem Zettel versehen: