In den theorieseligen Debatten der späten sechziger und frühen siebziger Jahre galt die Altgermanistik allemal als fragwürdige, obsolete Nachhut einer Wissenschaft, deren antiquiert-bürgerliches Selbstverständnis als „Deutschkunde“ in den strikten Relevanzdiskussionen ihrer progressiven Gegner so radikal wie beflissen angeprangert wurde. Das führte bald zu einem nachhaltigen Identitätsverlust des diskreditierten Faches – und zu einem neuen Namen: Fortan nannten die Kenner der mittelalterlichen Literatur sich anspruchsvoll „Mediävisten“, auch wenn ihnen für diese umfassendere Bezeichnung die außergermanistischen Qualifikationen nicht selten fehlten.

Mit dem schönen neuen Etikett verband sich die Suche auch nach neuen Inhalten, Ansätzen und Funktionen, aus denen sich die Existenzberechtigung der solchermaßen renovierten Disziplin ein für allemal nachweisen ließe. Der plötzliche Aufschwung der Gesellschaftswissenschaften etwa bescherte der Germanistik einen Boom sozialgeschichtlich orientierter Text-, mitunter freilich eher Kontextanalysen, und die zunehmende Etablierung rezeptionsästhetischer Betrachtungsweisen von Literatur, wie sie vor allem durch Hans Robert Jauss begründet wurden, führte in der Mediävistik zu einer auffälligen Neigung, nunmehr ebenfalls der Rezeption mittelalterlicher Kultur in der Neuzeit nachzuspüren.

Allerdings hat dieser Rezeptionsbegriff, bei aller suggestiven Nähe zum Jauss’schen Modell, mit diesem doch kaum etwas zu tun. Weniger prätentiös ausgedrückt, handelt es sich bei den Studien zur „Mittelalterrezeption“ zumeist eher um Arbeiten zur Stoff- und Wirkungsgeschichte als um den Versuch, aus der Rekonstruktion des zeitgenössischen Erwartungshorizontes Rückschlüsse auf das zu rezipierende Werk zu gewinnen. Auch der vorliegende dickleibige Band läßt nur in ganz wenigen seiner fast vierzig Beiträge erkennen, daß aus der späteren Rezeption etwa eines literarischen Textes ein tieferes Verständnis für eben diesen Text zu ziehen ist –

„Mittelalterrezeption II. Gesammelte Vorträge des 2. Salzburger Symposions ‚Die Rezeption des Mittelalters in Literatur, Bildender Kunst und Musik des 19. und 20. Jahrhunderts‘ “, herausgegeben von Jürgen Kühnel, Hans-Dieter Mück, Ursula und Ulrich Maller; Kümmerle Verlag, Göppingen (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Band 358), 1982; 784 S., 128,– DM.

So unbestritten es sein mag, daß die Wirkung eines Phänomens einen entscheidenden Teil von dessen Wesen darstellt, so deutlich machen die Ergebnisse der Salzburger Vorträge doch zugleich, daß die erhellende Funktion dieses Deutungsansatzes in dem Maße abnimmt, in dem die Zeitspanne zwischen der Entstehung und der Aufnahme eines Werkes wächst. Das überaus lebhafte Interesse der Nationalromantik am „Nibelungenlied“ beispielsweise sagt kaum etwas aus über das mittelhochdeutsche Heldenlied, wohl aber sehr viel über das Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts. Immer wieder läßt der Band erkennen, daß es ihm weit mehr um Aussagen über die Rezipienten als über deren mittelalterliche Vorlagen geht.

Gleichwohl sind es zum überwiegenden Teil Altgermanisten, die an diesem Buche mitgewirkt – und womöglich gern die Gelegenheit wahrgenommen haben, einmal außerhalb ihres engeren Fachgebietes in den frischeren Auen der neuzeitlichen Literatur zu wildern. Die Lust an solchen Grenzüberschreitungen, so verständlich sie auch sein mag, birgt natürlich die Gefahr des fröhlichen Dilettantismus. Es sind ja eben in der Regel keine „echten“ Romantikkenner, keine Jugendstilforscher oder Experten der Gegenwartsliteratur, keine Kunst- oder Musikhistoriker, die sich da äußern, sondern zumeist gestandene Mediävisten auf (freilich höchst attraktiven) Abwegen.

Der Rezensent zählt selbst zu den Beiträgern des Unternehmens, das er hier vorstellt. Da liegt es nahe, daß er sich wertende Urteile über einzelne Aufsätze tunlichst versagt. Bei aller Zurückhaltung besteht jedoch kein Zweifel, daß dieser Band faszinierende Einsichten ermöglicht über die Grundlagen, Bedingungen und Mechanismen unserer Kultur- und Bewußtseinsgeschichte sowie über den Anteil mittelalterlichen „Erbguts“ an ihr. Es ist überdies unbestreitbar, daß es im völlig legitimen Interesse der Mittelaltergermanisten liegt, der Frage nachzugehen, was denn in der Moderne aus ihren Gegenständen und Stoffen geworden ist.

Nur scheint es ungewiß, ob diese neue Fachrichtung eine so deutliche, fast ausschließliche Domäne der Mediävisten bleiben sollte. Vorerst fehlt es der jungen Disziplin noch an einer theoretischen Grundlegung ihrer Methoden, Perspektiven und Ziele, aber auch an der Unterstützung durch die angrenzenden Wissenschaften. Der fächerübergreifende Charakter, wie er in dem Sammelband zumindest angestrebt wird, bedarf entschiedener Stärkung, und es bleibt abzuwarten, ob die Berliner Tagung der Deutschen Forschungsgemeinschaft über „Mittelalterrezeption“ auf diesem Wege ein Stück vorankommt. Daß die ersten Schritte mehr sind als eine akademische Modeerscheinung, belegen die Salzburger Beiträge indessen schon jetzt auf überzeugende Weise. Rüdiger Krohn