Führungswechsel

Von Hans Otto Eglau

Am letzten Dienstag, kurz nach zwölf, war im Hotel Kempinski in Gravenbruch bei Frankfurt für Klaus Götte der große Augenblick gekommen. Nach geduldigem Warten in einem Nebenraum wurde der 51 jährige Top-Manager in den Salon drei gebeten, Dort hatten die zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengerufen nen zwanzig Aufsichtsratsmitglieder des Oberhausener Maschinen- und Anlagenbaukonzerns Gutehoffnungshütte Aktienverein (GHH) soeben dem Wunsch des bisherigen Vorstandschefs Manfred Lennings stattgegeben, vorzeitig seinen Platz zu räumen.

Groß vorzustellen brauchte sich Götte den Konzernkontrolleuren nicht mehr; Der einstige Flick-Gesellschafter gehört, obwohl bisher nominell nur einfaches Aufsichtsratsmitglied der GHH-Tochter MAN, als konzeptioneller Vordenker im Sondereinsatz schon seit Beginn des Jahres zum inneren Führungszirkel des mit fast Milliarden Mark Jahresumsatz führenden europäischen Maschinenbauunternehmens, Die Kür des Lennings-Nachfolgers denn auch schnell über die Buhne. Nach nur kurzer Personaldiskussion vollzogen die Ratsmitglieder den hinter den Kulissen längst sorgfältig inszenierten Wachwechsel.

Mit Klaus Götte tritt zum erstenmal Mann an die Spitze der GHH, der nicht als Wunschkandidat der Familie Haniel präsentiert wurde. Der Abgesang der Grüdernachkommen wurde durch

eine weitere Personalentscheidung augenfällig: Um in einer möglichen Kampfabstimmung, Ritt der Doppelstimme des Aufsichtsratsvorsitzenden nicht aus Loyalität gegenüber den anderen Anteilseignervertretern über den Abgang des einst von ihm berufenen Lennings entscheiden zu müssen, war Familiensprecher Klaus Haniel gleich zu Beginn der Sitzung zurückgetreten. Mit dem an seiner Stelle gewählten ehemaligen BASF-Chef Matthias Seefelder übernahm zum erstenmal seit 110 Jahren ein nicht aus dem Haniel-Clan stammender Industrieller den Vorsitz im Aufsichtsrat des Ruhrkonzerns.

Mit dem doppelten Führungswechsel wurden die veränderten Machtverhältnisse im Aktionärskreis des Konzerns nunmehr auch personell sichtbar. Die einst dominierende Gründerfamilie Haniel war als Quelle unternehmerischer und finanzieller Kraft in den letzten Jahrzehnten immer unbedeutender geworden. Heute halten die Haniels am Aktienkapital des Konzerns nur noch ganze zwölf Prozent. Der bestimmende Einfluß dagegen liegt bei der über 26 Prozent verfügenden Regina-Gruppe, in die der Versicherungskonzern Allianz (75 Prozent) und die Commerzbank (25 Prozent) ihren GHH-Besitz eingebracht haben.