Von Elke Heidenreich

Wenn sogar Udo Jürgens irgendwo singt, daß es jetzt fünf vor zwölf ist, dann ist es wahrscheinlich bereits halb drei. Und wenn sogar die Schlagerfuzzis und Schmalzonkels der deutschen Unterhaltungsmusik schon vage merken, daß irgend etwas nicht stimmt in dieser unserer Welt und daß zu den traditionellen Singsangthemen wie Herz-Schmerz-Sonnenschein-nur du allein plötzlich ganz andere Inhalte kommen, dann hat sich im Schlagerwesen ja wirklich etwasgeändert.

Hat es auch. Das haben wir der Neuen Deutschen Welle zu verdanken, die bereits eine alte Welle ist, und nicht mal mehr eine Welle – es plätschert gerade noch so dahin. Angefangen hat es vor rund vier Jahren – plötzlich hießen die Gruppen nicht mehr Dschinghis Khan, Cindy und Bert oder Vader Abraham und seine Schlümpfe, sondern Einstürzende Neubauten, Geisterfahrer, Nachdenkliche Wehrpflichtige, Dünnbrettbohrer, Rückwärtsgang und Fleischeslust. Plötzlich kamen so witzige Gruppennamen auf wie Bärchen und die Milchbubis, Ätztussis, Stille Hoffnung, so scheußliche wie Schamlippen, Notdurft, Päderastenhaufen und Verdauungsstörung und so haarsträubende wie Heeresleitung, Deutschdenk, Adam und Eva.

Die Medien sprangen zunächst voll an: Endlich was Neues, und mit sicherem Griff suchten sich die Musikredakteure in den Funkhäusern das Gängigste und Seichteste heraus: Hubert Kahs „Sternenhimmel“, Trios „Dadada“, Frl. Menkes „Hohe Berge“. Die Humpe-Schwestern machten „Ideal“ und die „Neonbabies“ berühmt, man hörte ab und zu Gruppen wie Fehlfarben, Spliff oder Zeitgeist, aber das war’s dann auch schon.

Die Moderatoren oder sogenannten Wortredakteure hätten vielleicht das ein oder andere gern gespielt, weil sie sehr wohl spürten, daß das eigentlich Neue der Neuen Deutschen Welle in den Texten lag, aber da machte sich die in den meisten Funkhäusern vorgenommene fatale Trennung von Musik und Wort bemerkbar: auf der einen Seite die Musikredakteure, die die Musiker der Neuen Deutschen Welle dilettantisch finden, auf der anderen die Moderatoren, die ganz gern mal was anderes spielen würden.

Jetzt es, wie gesagt, schon fast wieder vorbei, das Pflänzchen ist verkümmert, die Platten liegen in den Archiven, keiner kennt sie. An den Liedern der Punk- und New wave-Musiker hätte man ablesen können, was diese Null-Bock-aufnix-Jugend wirklich fühlt und denkt. Aber dazu hätte man hinhören müssen, und das ist ja immer mühsam – was nicht gefällig oder was gar avantgardistisch daherkommt, hat keine Chance in unseren verkrusteten Medien.

Da läuft von Schleswig-Holstein bis Bayern Nena, da düst der Wirbelwind, der die Liebe mitbringt, durch die Sender, da darf der Schmalzheini Markus seinen Schrott ablassen, aber ehe eine schmeichelhafte Satire wie „Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht“ in die ZDF-Hitparade darf, gibt es einen Eiertanz.