Konrad Adenauers Briefe aus der Zeit von 1945 bis 1947

Von Gerd Bucerius

Lohnt es sich, bundesdeutsche Geschichtezu schreiben? Dann lohnt es sich, Adenauers Briefe herauszugeben. Die Bundesrepublik – ein Teilstaat – hatte immerhin das Glück, mit zwei Außergewöhnlichen zu beginnen: Ludwig Erhard und Konrad Adenauer.

Erhard wurde nach dem Kriege Vorbild für die Wirtschaftspolitik des ganzen Westens; ohne ihn wäre Planwirtschaft das Modell gewesen. Eine wirksame Verteidigung des Westens gegen die Sowjets war nur mit West-Deutschland möglich – ohne Adenauer und das überwältigende Vertrauen, das er sich schnell erwarb, war das nicht zu erreichen. So wirken beide weit über ihre Zeit hinaus.

Auch was nach ihnen kam, wird sich in der Geschichte vorzeigen lassen. Willy Brandt verdanken wir die Bewegungsfreiheit nach dem Osten, wirklich eine Wende: Sie hat die Bundesrepublik von Zwängen befreit und den Ostblockstaaten mehr Freiheit verschafft, als der Sowjetunion angenehm ist.

Helmut Schmidt hat beider Leistung bestätigt: Er sicherte die Beteiligung der Bundesrepublik an der westlichen Verteidigung; er verlangte die Wende in der ruinösen Ausgabenpolitik des Bundes. Er zahlte einen hohen Preis: Den Streit mit den meisten Freunden in der Partei, der er sein politisches Leben lang gedient und für die er Schlachten gewonnen hat.

Kohl arbeitet geschickt mit dem von den Vorgängern geschaffenen Kapital. Wenn er „Enkel Adenauers“ werden will, sollte er Adenauers Stil übernehmen. Von dessen Schreibtisch ging Kraft aus. Die Briefe zeigen dauernde Einwirkung auf die Zeitgenossen. Die wurden unter seinem pausenlosen Anschlag fast zu Instrumenten der Aufgabe, die sich Adenauer vorgenommen hatte. Bei den ersten Briefen schon hat man das Gefühl: Adenauer wußte, was am Ende sein sollte; kein Tasten und Suchen, keine Zweifel. Adenauer hat nie gewartet, bis sich die Dinge von selbst klärten. Er wirkte auf sie ein, bis sie sich fügten. Er schlichtete keinen Streit, er entschied ihn.