Von Klaus Hübner

Die auswärtige Kulturpolitik ist das dritte Standbein unserer Außenpolitik“, hieß es auf einem der Vorbereitungsseminare. Informationen gibt es viele, wenn man, als einer der mittlerweile fast 400 bundesdeutschen Lektoren, deutsche Sprache und Literatur an einer ausländischen Universität unterrichten will. Die Vorbereitungsprozedur, die jeder vermittelte Lektor zu durchlaufen hat, ehe er ins „Partnerland“ entlassen wird, habe sich bewährt, versichern die erfahrenen Bonner Organisatoren. Natürlich informiert man sich außerdem auch privat über „sein“ Land, macht sich fit in der neuen Sprache, bringt sich auf den letzten Diskussionsstand auf dem Gebiet, das man bald „vor Ort“ praktizieren wird – „Deutsch als Fremdsprache“ –, und vielleicht liest man auch das eine oder andere Buch aus der Sparte „Du und das Fremde“ oder so ähnlich. Schließlich will ja jeder gut vorbereitet sein auf den neuen Beruf und das neue Land. Und nach den Weihen der Bonner Vorbereitung, so sagte man uns, sei jeder Lektor schließlich auch ein kleiner Träger unserer auswärtigen Kulturpolitik.

Mein Land ist Spanien. Ursprünglich hatte ich mich zwar für Portugal beworben und vorbereitet, aber so genau kann’s leider selten gehen, und sogenannte Sachzwänge soll es ja überall geben.

Die Fremde, von der ich zu Hause im Lehnstuhl gelesen hatte, ist plötzlich erschreckend konkret. Hier bin ich nun also das „dritte Standbein“, zusammen mit anderen hier schaffenden „Kulturträgern“. Neben meiner Lehrtätigkeit an der Universität soll ich hier mit Eifer und Phantasie „die deutsche Kultur“ hegen und pflegen.

Zu interessieren scheint das aber zunächst niemanden. Weshalb auch.

Lehrzeit, Lehrmonate. Bonn versinkt hinter dem Horizont. Das Studium – Anglistik mit Nebenfach Deutsch – ist straff organisiert. Jahrgangsklassen, vorgeschriebene Stundenpläne und halbjährlich fällige Prüfungen lassen den Studenten kaum eine Wahlmöglichkeit. Sie sind jünger als bei uns und oft äußerst unselbständig. Ein „Professor“ genießt fast ungebrochene Autorität. Der Lehrer steht frontal zur Klasse, und immer etwas erhöht, ob er will oder nicht. Ändert er das, sind die Studenten völlig irritiert, und die Kollegen später auch. Gruppenarbeit oder Diskussion machen eher Angst; man ist darauf trainiert, den Lehrermonolog mitzuschreiben, ihn auswendig zu lernen und bei den Prüfungen wieder auszuspucken. „Bei uns richten drei Lehrer Deutsch“, erzählte mir ein Kollege aus der Nachbarstadt. „Unterrichten“, wollte er sagen. Die Lehrbücher und didaktischen Materialien, mit deren Hilfe wir auf den Bonner Vorbereitungsseminaren Sprachunterricht simuliert hatten, sind hier nicht vorhanden oder werden nicht benutzt. Videogerät gibt’s natürlich keines, auch keine Schreibmaschine im Büro. Die kleine deutsche Abteilung, die ein paar hundert Studenten in vier Jahren von dem Satz „Ich heiße Pedro“ zu Thomas Mann führen soll, ist innerhalb der Universität so gut wie bedeutungslos.

Richtige Deutsche, sagen mir die Studenten, sind, unter anderem, blauäugig, meist auch blond. Die meisten „Deutschlerner“ wollen im nächsten Sommer, wenn das Geld reicht, nach Deutschland. Viele Deutsche, erzähle ich ihnen, wissen von eurem Land nichts anderes als Baskenmütze, Biscayatief und Terrorismus. Ist das nicht gefährlich dort unten, mit der ETA und so: eine Frage, die euch in Deutschland sicher gestellt werden wird. Wie kann man einem Deutschen erklären, auf deutsch natürlich und nicht zu lang, was es mit den Bomben und Entführungen und Toten hier auf sich hat? Schweigen in der Fortgeschrittenen-Klasse, gesenkte Köpfe. Endlich sagt einer: „Die deutschen Fräulein sind sehr schön.“ Gelächter. Ich bin irritiert, will noch einmal ansetzen. „Besonders die, blonden“, werde ich unterbrochen. Ich verstehe. Blauäugig. Für diese Art von Vorbereitung blieb wenig Zeit.