Drei Sommer und dreitausend Stunden Zeit brauchten Leo Novrup und Poul Erik Andersen, um wenige Sekunden festzuhalten, die photographisch sensationell sind: ein Kuckucksweibchen legt sein Ei ins Nest eines Rohrsängers. Nicht diese Aufnahmen allein machen Novrups Sachbuch –

Leo Novrup: „Wie lebt der Kuckuck“; Carlsen Verlag, Reinbek; 48 S., 22,80 DM

zur Sensation. Mit dem Genre nett aufgemachter Tierbücher hat dieser Band des bekannten Vogel-Photographen nichts, wirklich gar nichts zu tun. Photographisch glänzend dokumentiert vermittelt ein prägnanter Text neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über den scheuen Cuculus canorus (nur einer von 130 Arten der Cuculidae), jenenseltsam einzelgängerischen Vogel, über den es Legenden, Aberglauben und Lieder gibt, aber erst seit Edgar Chance, dem englischen Ornithologen, umfangreiche, empirisch abgesicherte Fakten.

Sorgfältig, liebevoll, spannend berichtet der Autor vom Kuckucksleben, angefangen bei der Paarung bis das Junge das Nest seiner Wirtseltern verläßt; beschreibt die Stationen der verblüffenden und perfekten Täuschung des schmächtigen Teichrohrsängers, dem das Kuckucksei ins Nest geschmuggelt wird. Es ist ein zierliches aus tausend Halmen, mit zarten Blütenständen gepolstertes Nestchen – ein regelrechtes Kunstwerk.

Nach elf Tagen wiegt das Kuckuckskind bereits vierzig Gramm (fünf Gramm am ersten Tag), verschlingt Unmengen Futter und wird von den winzigen Pflegeeltern in einer einzigen Stunde siebenundsiebzigmal gefüttert. Von da ab stößt es auch den lang gezogenen zitternden Bettelton aus, Signal des unersättlichen Fressers, damit seine abgehetzten schmächtigen Rohrsängereltern ja keine Ruhepause einlegen.

Was macht Novrups Sachbuch so exzellent? Neben der Fülle exakt notierter Beobachtungen, einem minuziös geführten Protokoll, das sprachlich so klar gefaßt ist, daß Kinder es gut begreifen, läßt der Autor deutlich erkennen: Hier geht es nicht nur ums kühle Faktensammein. Novrup schildert sensibel die Ratlosigkeit und Trauer der bis zur Erschöpfung gestreßten Pflegemutter, als das robuste, dick gefütterte Kuckuckskind Nest und Rohrsänger-Zuhause verläßt.

Auch die Photos verdeutlichen die absurde, nach menschlichen Begriffen rührende Situation: Das winzige Rohrsängerweibchen klammert sich ans Gefieder des unersättlichen, ums Vielfache größeren Kuckuckskindes, um ihm den Schnabel zu stopfen.