Von Marion Gräfin Dönhoff

Zunächst eine notwendige Vorbemerkung: Nicht jeder, der gegen Nachrüstung ist, setzt sich automatisch für die Utopie einseitiger Abrüstung ein. Was mich anbetrifft, so bin ich zwar gegen Nachrüstung, aber auch gegen einseitige Abrüstung und für die Stärkung des Bündnisses.

„Nachrüstung ja oder nein?“ Das Konzept, das der Westen für den Umgang mit dem Osten entwickelt hat, geht auf die sechziger Jahre zurück. Damals hatte Präsident Kennedy in seiner berühmten Peace Strategy-Rede dazu aufgerufen, an die Stelle des Freund-Feind-Schemas der Dulles-Ära das Prinzip Rüstung und Reden zu setzen. Also weiterhin Stärke entwickeln, aber gleichzeitig verhandeln.

Was Kennedy und Nixon praktizierten, läßt sich beschreiben als: Abschreckung in der Entspannung. Was wir heute haben, ist etwas ganz anderes: Abschreckung im Kalten Krieg.

Die Kombination Abschreckung und Kalter Krieg führt beide Seiten zwangsläufig zu immer neuen, immer größeren Anstrengungen im Rüstungswettlauf. Denn das Wesen der Abschreckung ist ja Drohung. Und die Reaktion auf Drohung besteht nun einmal darin, daß man sich besser wappnet. Kalter Krieg, genährt durch viele martialische Reden, die während der ersten Jahre der Reagan-Administration in Washington gehalten wurden, begleitet von einem nie dagewesenen Ausmaß an Rüstung, dies zusammen hat bewirkt, daß jede Verständigung unmöglich geworden ist.

In Genf wird dies ganz deutlich. Die Verhandlungen dort sind entgegen aller Absicht zu einem Teil des Wettrüstens geworden: Jeder denkt nur darüber nach, wie er sich rüstungstechnische Vorteile verschaffen kann. Der Prozeß der Rüstungskontrolle hat sich längst vom politischen Zweck gelöst und verselbständigt.

Aber es kommt noch etwas hinzu. Nicht nur hat die Kombination von beginnender Eiszeit und stetig wachsender Abschreckung das Klima vergiftet, auch das Umdenken von massiver Vergeltung zu flexibler Erwiderung, das ja den möglichen Einsatz von Nuklearwaffen „humanisieren“ sollte, hat im Gegenteil zu noch mehr und weit detaillierterem Kriegsgeschwätz beigetragen. Mit erschreckender Selbstverständlichkeit werden da alle Nuancen der Kriegsführung mit Atomwaffen erörtert. Angeblich dienen die atomaren Waffen nur der Abschreckung und nicht der Kriegsführung, weil ihr Gebrauch automatisch im Selbstmord mündet; dennoch werden alle Stufen nuklearer Kriegsführung „durchgespielt“. Wenn die Kernwaffen aber wirklich nur der Abschreckung und nicht auch der Kriegsführung dienen sollen, dann würden ja die in und um Europa vorhandenen, auf U-Booten und Flugzeugen stationierten, ausreichen – wozu denn dann noch die Pershing II und die Cruise Missiles?