Nach monatelanger Debatte ist immerhin schon soviel klar: Arbeitszeitverkürzung als ein Mittel zur Lösung der Krise am Arbeitsmarkt ist allgemein akzeptiert – von den Gewerkschaften ebenso wie von den Arbeitgeberverbänden, von Bundeswirtschaftsminister Graf Lambsdorff über zahlreiche Wirtschaftswissenschaftler bis hin zu den Vertretern der Kirchen, die sich offenbar auch auf diesem Gebiet berufen fühlen.

Leider ist damit noch nicht allzuviel gewonnen. Denn darüber, wie die Arbeitszeit zweckmäßigerweise verkürzt werden soll, um einen möglichst effektiven und sinnvollen Beitrag zur Lösung des Beschäftigungsproblems zu leisten, gehen die Meinungen noch meilenweit auseinander.

Innerhalb des Gewerkschaftslagers streiten sich die Befürworter einer kürzeren Wochenarbeitszeit mit denjenigen, die die Lebensarbeitszeit einschränken wollen, indem sie die Arbeitnehmer immer früher aufs Altenteil schicken. Mit dem letzten Vorschlag können sich auch die meisten Unternehmer anfreunden – weil dabei nämlich ein großer Teil der Kosten einer Arbeitszeitverkürzung auf den Staat oder die Renten- beziehungsweise Arbeitslosenversicherung abgewälzt werden kann. Eine generelle Senkung der Wochenarbeitszeit dagegen lehnen die Arbeitgeber – unterstützt von zahlreichen Wissenschaftlern strikt ab. Sie haben sich aber immerhin dazu durchgerungen, flexiblere Arbeitszeiten als brauchbares Instrument zur Entlastung des Arbeitsmarktes anzusehen. Dabei soll es vor allem dem einzelnen Mitarbeiter selbst überlassen werden, ob er seine individuelle Arbeitszeit kürzen und dafür auf einen Teil seines Einkommens verzichten will – wozu möglicherweise zahlreiche Arbeitnehmer bereit wären.

Dies wiederum lehnen die Gewerkschaften strikt ab. Sie argumentieren, daß diese Lösung wenig zur Schaffung von neuen Beschäftigungschancen für Arbeitssuchende beitrage, den einzelnen Arbeitnehmer zu sehr der Willkür des Managements ausliefere und befürchten wohl auch, daß ihr Einfluß auf die Beschäftigten geringer werden könnte, wenn diese zu mehr Selbständigkeit ermuntert würden.

Dennoch könnte hier die Chance für einen Kompromiß liegen. Flexible Arbeitszeit muß nämlich nicht unbedingt bedeuten, daß jeder einzelne Arbeitnehmer mit dem Betrieb aushandelt, wann und wie lange er arbeitet. Und Kürzung der Wochenarbeitszeit braucht nicht identisch zu sein mit längerem Betriebsstillstand – den die Unternehmen wegen der damit verbundenen Kostensteigerungen zu Recht fürchten. Denn wenn beispielsweise statt drei Acht-Stunden-Schichten vier Schichten zu sechs Stunden vereinbart werden (wie in einem neuen Werk der BASF), läuft der Betrieb weiter rund um die Uhr und dennoch kann eine komplette vierte Mannschaft eingestellt werden.

Es gibt eine Fülle ähnlicher Möglichkeiten. Sie haben alle ähnliche Vorzüge wie das geschilderte Arbeitszeitmodell: Kürzere Arbeitszeiten für den einzelnen Mitarbeiter, damit mehr Beschäftungschancen für andere und keine längeren Stillstandszeiten für die teuren Anlagen.

Wenn die Tarifparteien gemeinsam über solche Lösungen nachdenken würden, statt immer tiefere Gräben auszuheben und die Öffentlichkeit „auf den härtesten Arbeitskampf seit Bestehen der Bundesrepublik“ (IG Metall) vorzubereiten, ließen sich durchaus Kompromißmöglichkeiten finden. Und sie müssen gefunden werden. Inmitten der Krise können wir uns weder wochenlange Streiks noch Formen der Arbeitszeitverkürzung leisten, die vielleicht weit mehr Schaden als Nutzen anrichten würden. Michael Jungblut