Von Barbara Hochberg

Bei einer Routineführung durch das Institut für Genetik und Mikrobiologie der Universität Würzburg zeigte sich der Laie kaum beeindruckt. Doch dann hellte sich das Gesicht des fachfremden Gastes beim Betreten des Sitzungszimmers wieder auf: Dort steht ein Klavier. Hans Maier, Kultusminister von Bayern und selbst Organist, konnte seinen Besuch des Würzburger Instituts Mitte Oktober mit einem positiven Eindruck beenden.

Der Hausherr, Professor Werner Goebel, beherrscht nicht nur das Musikinstrument. Ebensogut spielen er und seine Mitarbeiter auf der Klaviatur der Molekular- und Mikrobiologie: Werner Goebel erhielt am Montag dieser Woche den Robert-Koch-Preis. Er teilt sich die Auszeichnung mit dem deutschstämmigen Amerikaner Robert Weinberg, der als Krebsgen-Forscher Furore macht (siehe ZEIT Nr. 34/1983). Krebs- oder Onko-Gene sind gleichsam „Zeitzünder“ im Erbgut der Lebewesen. Ihr Nachweis im vergangenen Jahr brachte die internationale Krebsforschung vermutlich einen wesentlichen Schritt weiter.

Werner Goebels Arbeitsgruppe war dagegen mit Hilfe gentechnischer Methoden den krankmachenden Eigenschaften von Kolibakterien auf die Spur gekommen: Erkenntnisse, die zukünftig vermutlich für die Diagnose und Therapie bakterieller Erkrankungen von Bedeutung sein werden.

Das Bakterium Escherichia Coli, das liebste und am besten verstandene Lebewesen der Gentechniker, ist nicht nur ein harmlos-nützlicher Darmbewohner bei Mensch und Tier. „Die Kolibakterien werden als Krankheitserreger vielfach noch unterschätzt“, meint Professor Goebel. Denn neben den harmlosen Mikroben und anderen, die zu Durchfallerkrankungen führen, gibt es auch solche, die beispielsweise Hirnhaut- und Nierenbeckenentzündungen auslösen können, wenn es ihnen gelingt, aus dem Heer der friedlichen Darmbewohner auszubrechen und in Bereiche außerhalb des Magen-Darm-Traktes vorzudringen.

Bei der Suche nach den Unterschieden zwischen harmlosen und krankmachenden Kolibakterien hatten die Würzburger Forscher schon vor einigen Jahren herausgefunden, wodurch sich die bösartigen Mikroben von ihren harmlosen Artgenossen zunächst unterscheiden: Sie produzieren einen bestimmten Eiweißstoff, im Fachjargon Haemolysin genannt, der die roten Blutkörperchen zerstört. Darüber hinaus bilden die gefährlichen Bakterien auch noch fadenförmige Anhängsel aus Eiweißstoffen, die sogenannten Pili. Mit ihnen heften sich die Kolibakterien wie mit einem Anker etwa an den Zellen von Blase und Niere an.

Unklar war den Wissenschaftlern freilich, ob die Pili auch tatsächlich die Ursache für die krankmachenden (pathogenen) Eigenschaften der Kolibakterien sind. Solche Merkmale könnten auch zufällige Begleiterscheinungen der Pathogenität sein.