Die meisten ABC-Schützen glauben, daß sie schreiben können, und manche können es tatsächlich. Doch die Lehrer glauben es nicht. Sie fangen den Enthusiasmus der Kinder, nicht auf und warten mit der Schreib-Lehre viel zu lange.

Diese neue Erkenntnis verkünden eine Reihe neu erschienener Studien. Kinder lernen offenbar schreiben wie sprechen aus ihrer vorschulischen Umgebung: vom Fernsehen, von Reklamewänden, Verkehrsschildern, Zeitungen, Markenzeichen. Die Experten fordern nun, diese Einsicht im Dienste eines revolutionierten Schreibunterrichts zu nutzen.

Jeder Lehrer von Erstkläßlern kennt Kinder, die Texte „schreiben“, ohne je Schreiben gelernt zu haben. Lautmalerisch verzwickt stellen sie dar, was sie mitteilen wollen. Wie das vierjährige amerikanische Mädchen, das ein Anglerbild mit der Kritzelzeile versah: „Yuts a lade yet feheg ad he kot flepr.“ Dieses bizarr anmutende Beispiel zitieren die Schreibexperten

Charles A. Temple, Ruth G. Nathan und Nancy A. Boris: „The Beginning of Writing“, Allyn and Bacon, 14,95 Dollar

Die Autoren entschlüsselten den Satz als: „Once a lady went fishing and caught Flipper“ (Eine Dame ging einst angeln und fing Flipper).

Für Sprachforscher ist diese Zeile kein großes Rätsel. Das Kind hat in seiner „eigenen Schreibe“, sprich: in einer erfundenen Orthographie, Buchstaben entsprechend ihrem Klang benutzt. Das englische Ypsilon wird „wei“ ausgesprochen und gilt dem Kind deshalb als W-Laut, entsprechend das „e“ als i-Laut. Aus „yuts“ wird so „wuts“, aus „yet“ wird dann „wet“, aus „lade“ eine „lady“. (Das Weglassen des „n“ in once, went und and ist ein typischer Kinder-„Fehler“.) Derlei Schreibsysteme kennen die Forscher schon seit langem; Maria Montessori berichtete bereits Anfang des Jahrhunderts von Fünfjährigen, deren Schreibversuche ähnlich verschlüsselt waren.

„Kinder wollen schreiben. Sie wollen gleich am ersten Schultag schreiben. Das ist kein Zufall“, meint ein amerikanischer Schreibexperte in seinem Buch: