Was hat er gesehen? Selten war das Interesse an Carl-Dietrich Spranger so unvoreingenommen und so groß. Der Staatssekretär im Innenministerium hat nicht erkennen lassen, ob er, zurück von Grenada, Despektierliches daran fand. Spranger ist ein Beamter nach CSU-Verständnis: loyal bis zur Selbstverleugnung, nicht erreichbar für Schüsse aus fremden Reihen.

Spranger hatte in der Karibik vielerlei gesehen. Wichtig ist aber auch, was er nicht gesehen hatte: Massengräber sind nicht entdeckt worden. Das muß eine Falschmeldung gewesen sein, läßt das Haus Zimmermann wissen. Wer hat sie in die Welt gesetzt?

All dies hat Spranger mit eigenen Augen gesehen: Waffen sind gefunden worden und zwar haufenweise; riesige Bauhallen stehen auf dem aberwitzig großen Flugfeld, in denen – so heißt es – die Waffen verladen werden sollten. Weiter: Arbeitsbücher mit technischen Anleitungen zwecks Aufbaus eines Nachrichtensystems, die das Fernmeldeamt Erfurt zur Verfügung gestellt hatte. Dazu: Propagandamaterial aus der Sowjetunion, aus Nordkorea und Kuba – Beleg für die Verschwörungs- und Einkreisungstheorie, die Ronald Reagan sich einfallen ließ, um die Invasion zu rechtfertigen. Die aufmerksamen Amerikaner ließen übrigens auch nicht die beiden Kisten mit 50 Kalaschnikows durchgehen, mit denen der sowjetische Botschafter die Heimreise antreten wollte. So soll Diplomatengepäck nicht aussehen.

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Sprangers Sprung auf die Insel hatte in Bonn Verwirrung gestiftet. Wenn man Spranger glauben darf, dann hat die unselige Aufregung hierorts allein mit der Ferne zu den Realitäten dort unten zu tun. Das Innenministerium habe beileibe nicht Partei ergreifen wollen im Streit um die rechte Auslegung, wie es die Bundesregierung mit der Invasion halten solle. Spranger hielt sich erstens zufällig und zweitens im Auftrage des Bundeskanzleramtes vorige Woche in Washington auf. Gespräche über bleifreies Benzin, Umweltschutz und über Zusammenarbeit im Kampf gegen den internationalen Terrorismus standen an. Unter diesem Rubrum führt die Regierung Reagan die Invasion in der Karibik und so hing die Einladung zur Besichtigung des Tatortes gleichsam in der Luft.

Spranger drängte sich nicht auf. Brav erging seine Rückfrage an die Bonner Stallwache im Kanzleramt; er erhielt das Placet und schon startete die Maschine der amerikanischen Sicherheitsbehörden zur Gewürzinsel. Es war nicht mehr als ein Mißgeschick, daß Spranger erst über den Wolken Kunde von Hans-Dietrich Genschers Veto bekam. Das hatte seine Zeit gedauert, ehe der Außenminister in Helsinki via Bonn in den amerikanischen Vorgarten durchgedrungen war. Aber es war eben einfach zu spät. Böse gemeint soll’s nicht gewesen sein, geschweige denn die Labsal eines CSU-Mannes, den FDP-Minister desavouieren zu dürfen.

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