Von Heinz-Günter Kemmer

So richtig aufeinander verlassen haben sich die Stahlunternehmen Krupp und Thyssen wohl nicht. Kaum war nämlich in der vergangenen Woche die von beiden Unternehmen geplante Fusion gescheitert, da zogen die Vorstände fertige Alleingangskonzepte aus der Tasche. Wiewohl die Fusions-Unterhändler seit Aufnahme der ersten Kontakte im Juni vergangenen Jahres, so Thyssen-Chef Dieter Spethmann, „nicht einen Tag untätig“ waren, fanden sie noch Zeit, den Alleingang zu planen.

Gescheiten ist die Fusion schließlich am Geld. Thyssen habe zu viel gewollt, sagen die einen, Bonn zu wenig geboten, die anderen. Bei Krupp neigt man mehr dazu, Thyssen die Schuld zu geben als Bonn. Der Partner habe, so sagt man bei Krupp, „die Latte zu hoch gelegt“. Spethmann hingegen: „Wir sind an die alleräußerste Grenze dessen gegangen, was vertretbar war.“ Und zu dem Vorwirft Thyssen habe alles viel zu buchhalterisch gesehen: „Das ist dummes und unsubstantiiertes Gerede.“

Warum die beiden Unternehmen, die sich noch am 19. Oktober nach einer Tag und Nacht dauernden Verhandlungsrunde auf eine gemeinsame Grund sattvereinbarung einigten, nach dem Scheitern ihrer Pläne so unterschiedlich urteilen, ist kein Geheimnis: Für Thyssen ist der Stahlbereich dauerhafter Bestandteil des Konzerns, Krupp hingegen wollte den Stahl loswerden, um eine Infektion anderer Konzernteile zu vermeiden. Dazu Mit das Eingeständnis des Vorstandsvorsitzenden der Krupp Stahl AG Alfons Gödde, man wäre auch mitfeiner geringeren als der von Thyssen postulierter Beteiligung von 25 Prozent an der gemeinsamen Stahlgesellschaft zufrieden gewesen.

In der Tat brennt es Krupp auf den Nägeln. So ist das Unternehmen nicht in der Lage, die tarifvertraglich vereinbarte „Sonderzahlung“, sprich Weihnachtsgeld, in diesem Jahr auf einen Schlag zu zahlen. Entgegen dem Tarifvertrag soll die Hälfte der Zahlung auf das nächste Jahr verschoben werden.

Schuldzuweisung für das Platzen der Fusion ist schwierig, und auch der Bundeswirtschaftsminister hat darauf verzichtet. „Er versagt es sich“, so eine Pressemitteilung seines Ministeriums, „auf die Frage einzugehen, wer die Verantwortung für den Verzicht auf die Fusion zu tragen hat.“ Otto Graf Lambsdorff versagt es sich freilich nicht, auf die Folgen hinzuweisen: Rationalisierungsvorteile im Umfang von vierhundert Millionen Mark jährlich gingen nun verloren.

Dem widersprechen auch die beteiligten Unternehmen nicht. Zwar werden sie mit ihren Alleingangskonzepten gegenüber dem Statut quo auch Geld sparen, bei einer Fusion wäre jedoch ein zusätzlicher Effekt entstanden. Allerdings hätten dann auch mehr Arbeitsplätze abgebaut werden müssen, als die gut 8500 bei Thyssen und 4000 bei Krupp, die jetzt auf dem Programm stehen. In dem nun bescheideneren Abbau des Personalbestandes sieht Heinz Kriwet, der Vorstandsvorsitzende von Thyssen Stahl, nur einen kurzfristigen Vorteil, weil ja so nicht alle Rationalisierungsmöglichkeiten ausgeschöpft würden.