Vielleicht ist es ja nur überholte Sentimentalität, das Dahinschwinden handwerklicher Sorgfalt auch im Buchwesen nicht klaglos hinzunehmen. Vielleicht ist es in einer Zeit, in der auch Bücher dem Wegwerf-Prinzip unterstehen, geradezu lächerlich, wenn einer es nach wie vor befriedigend findet, ein richtig gesetztes oder gar schön gedrucktes Buch in der Hand zu halten; wenn es einem – obwohl es Wichtigeres gibt – nicht gleich ist, ob in einem Buch ein Name richtig geschrieben ist, ein Zitat stimmt, „Flair“ steht, wo „Air“ gemeint ist, der „Rhythmus“ zwei h hat oder das „Symptom“ vor dem p getrennt ist, und was derlei Pedanterien mehr sind.

Die Sache ist folgende: Als vor etwa zwölf Jahren der computergesteuerte Lichtsatz den Bleisatz ablöste, hieß es, der sei nicht nur schneller und sauberer, er sei vor allem billiger. Das ist er nicht; 1972 kostete eine „Bleiseite“ durchschnittlich gut 12 Mark, heute kostet die gleiche Seite aus dem Satzrechner gut 22 Mark, und das ist, berücksichtigt man die Geldentwertung, genausoviel. Etwa zur gleichen Zeit wurde der zweite Korrekturgang abgeschafft, mit der rundheraus falschen Begründung, er sei nun technisch nicht mehr möglich, oder der auch nur bedingt richtigen, er werde teurer als vorher, zu teuer.

Wo bis dahin Lektoren, Autoren, Herausgeber, Übersetzer regelmäßig nicht nur die Satzfahnen eignes Buches zur Durchsicht erhalten hatten, sondern später auch noch ein Umbruchexemplar, in dem sie nachprüfen konnten, ob ihre Korrekturen auch ausgeführt und beim Korrigieren eventuell neue Fehler hineingekommen waren, blieb ihnen nunmehr nur noch eine Gelegenheit für etwaige Korrekturen.

Heute beginnen die Verlage auch noch diesen einen Korrekturgang wegzurationalisieren.

Hält dieser Trend an, werden die Autoren bald vor der Forderung stehen, ihre Manuskripte auf maschinenlesbaren Normbögen zu liefern oder gleich auf Magnetbänder zu schreiben – dann braucht kein Mensch mehr ihr Zeug zu lesen, und die gesamte Buchproduktion kann Maschinen überlassen werden. In einigen Bezirken wissenschaftlichen Spezialliteratur, wo dieser kurze Prozeß allenfalls vertretbar ist, wird es schon heute so gehalten. Lektor, Setzer oder Texterfasser, Korrektor – alles überflüssig.

Gleichzeitig verewigen sich etwaige Fehler. Weitere Auflagen, Taschenbuch- und Buchgemeinschafts- und Serienausgaben – kaum je gibt es noch eine Möglichkeit, in den einmal hergestellten Satz korrigierend einzugreifen. Ganze Buchreihen werden heute mehr oder weniger vollmaschinell produziert; kein für den Sinn des Ganzen irgendeine Verantwortung tragender Mensch liest das alles noch einmal. Ein Patzer, der in der Erstauflage stehenblieb, wird immer stehenbleiben.

Jeder, der einmal ein Manuskript durch alle Stadien der Herstellung hindurch verfolgt hat, weiß, wie schwer, wie fast aussichtslos es ist, der sich aus den unvermutetsten Richtungen einschleichenden Fehler Herr zu werden, ganz als gäbe es eine Art anderes Entropiegesetz, demzufolge der unausgesetzte Verfall von Sinn zu Quatsch eine der großen Regelhaftigkeiten des Weltgeschehens und nur durch immer stärkeren Energieeinsatz aufzuhalten ist.