Eigentlich war es überflüssig, die Öffentlichkeit auszuschließen. Zum 54. Verhandlungstag im Frankfurter Zenelaj-Prozeß (ZEIT Nr. 3/82) war ohnehin kein Zuschauer erschienen. Dabei sollte an diesem Tag die Hauptangeklagte Zorica Aleksic zum erstenmal aussagen.

Dem Vertreter der Nebenkläger gelang es mit einem simplen Verfährenitrick, den Beschluß des Gerichts ad absurdum zu führen: Mit „möglicherweise bevorstehenden Enthüllungen über fremde nachrichtendienstliche Tätigkeit“, die geeignet seien, „die Gefahr für Leib und Leben der Angeklagten zu verstärken“, war der Ausschluß der Öffentlichkeit begründet worden. Allen Prozeßbeteiligten eine Sei Schweigepflicht aufzuerlegen aber war bei dieser Begründung den Richtern per Gesetz verwehrt.

So konnte Rechtsanwalt Helmut Rosebrock, der Rasim Zenelaj, das Opfer des Mordanschlags vertritt, eine Stunde nach der geheimen Aussage vor eine Fernsehkamera treten und unbedenklich mit einer Inhaltsangabe aufwarten. Ja, Frau Aleksic habe ihr früheres Geständnis bei der Polizei jetzt vor Gericht wiederholt. Ja, sie habe vor allem ihren Mitangeklagten Iso Dautovski schwer belastet, von dem sie seinerzeit die Waffe erhalten habe. Außerdem habe sie detailliert die Begegnung mit einem Agenten in Jugoslawien geschildert, der Photos von Demonstrationen der Regimekritiker kroatischer und albanischer Abstammung in Empfang genommen habe. „Vor allem aber hat sie klipp und klar erklärt, daß der Auftrag zur Ermordung meines Mandanten vom jugoslawischen Geheimdienst kam.“

Bei diesem Sachverhalt kann das Gericht allerdings nicht mehr mit Kooperationsbereitschaft der jugoslawischen Justiz rechnen. Vier für das Verfangen wichtige Zeugen, darunter der Kontaktmann im Generalkonsulat, hatten sich in ihre Heimat abgesetzt, als klar wurde, daß die Täterin gefaßt war und das Opfer überleben würde. Schon Anfang dieses Jahres hatte die 20. Große Strafkammer des Landgerichts Frankfurt unter Berufung auf das deutsch-jugoslawische Rechtshilfeabkommen und auf dem vorgeschriebenen diplomatischen Weg um Zeugenvernehmung vor Ort ersucht. Aus Belgrad kam, trotz mehrfacher Mahnung, bis heute keine Antwort.

Der Mordanschlag auf Zenelaj wurde am 14. Mai 1981 verübt. Der Prozeß begann am 14. Januar 1982 und wird nach beinahe zwei Jahren zur Belastung für alle Beteiligten, fast unzumutbar auch für die Angeklagten. Die inzwischen 26jährige Aleksic leidet unter Magengeschwüren und ist meist nur einen halben Tag lang verhandlungsfähig. Dautovski schweigt beharrlich und scheint jede Hoffnung auf einen Agenten-Austausch begraben zu haben. Nur der Dritte im Bunde, Miroslav Illic, der von Anfang an konsequent auspackte und sich damit der Staatsanwaltschaft als Kronzeuge anbot, hat Haftverschonung erhalten.

Rasim Zenelaj, durch die fünf Schüsse querschnittgelähmt, kann dem Prozeß nur noch selten beiwohnen. Das stundenlange Sitten im Rollstuhl strengt ihn zu sehr an. So lange über seinen Antrag auf Rente nach dem Opferentschädigungsgesetz noch nicht entschieden ist, lebt er von der Hilfsbereitschaft seiner Freunde.

Claus Bienfait