Von Marlies Menge

Ost-Berlin, im November

Manfred Semrau begrüßte mich im Restaurant des Internationalen Pressezentrums in Ost-Berlin – nicht im VEB Elektro-Apparatewerke, wo er als Gruppenleiter im Organisations- und Rechenzentrum arbeitet; auch nicht bei seinem Kampfgruppen-Bataillon, dessen Kommandeur er ist. Gerade dieser nebenberuflichen Beschäftigung wegen hatte ich ihn sprechen wollen. Ulrike Doll erlebte ich mitten in der Arbeit als Pfarrerin, bei Gottesdiensten in der altehrwürdigen Teterower Kirche; ich besuchte sie auch zu Hause.

Die mecklenburgische Pfarrerin und der Ostberliner Bataillonskommandeur werden sich persönlich wohl kaum je begegnen. Zu unterschiedlich verlaufen ihre Leben, zu verschieden sind die Vorstellungen, nach denen sie denken und handeln. Beide fühlen sich zum Beispiel verpflichtet, etwas für den Frieden zu tun, die eine mit dem Gebet, der andere mit dem Gewehr, und jeder von ihnen ist überzeugt, daß sein Weg der einzig richtige ist. Doch beide, repräsentieren sie die DDR, sind von diesem Land geprägt und von den Menschen, die um sie herum leben.

Zwar wurde Ulrike Doll vor 28 Jahren im Rheinland geboren, doch als sie noch ein Baby war, zog es den mecklenburgischen Vater zurück in die alte Heimat. Die Mutter, eine rheinländische Katholikin, zog mit den Kindern mit, konvertierte und wurde Katechetin. Ulrike hat nicht an der sozialistischen Jugendweihe teilgenommen, ging nicht auf die Erweiterte Oberschule, auf der man das Abitur macht, sondern wurde im kirchlichen Seminar in Naumburg auf ihr Theologie-Studium vorbereitet, das sie in Greifswald absolvierte. Vikariat in Güstrow, dann, seit 1981, Pfarrstelle in Teterow. Dieses Jahr stand ihr Name in den Zeitungen der DDR: Sie war in den Zentralausschuß des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Vancouver gewählt worden.

Die mittleren Jahrgänge fehlen

Sie wirkt so jung, daß ich sie zunächst für ein Mädchen aus der Jungen Gemeinde halte: ein bißchen rundlich, kurze lockige Haare, lustige blaue Augen in einem offenen, freundlichen Gesicht, zur dunkelblauen Hose einen hellblauen Pullover mit dem Anstecker „Christen gegen Atomwaffen“ – ein Kind hält in seinen Händen eine Taube. In der ungeheizten Kirche trägt sie zu den abendlichen Friedensgebeten einen Parka.