Von Sven Papcke

Erst in der Fremde erweist sich, wie buntscheckig die Welt ist, sagt Montesquieu in seinen Lettres persanes 1721. Indem er alles Gewohnte ironisch ausleuchtete, bereitete dieser epochale Literaturerfolg seine Leser auf einen Kulturschock vor, den die Moderne für Europa bereithielt. Denn die heraufziehende Industrieära beruhte auf Verflechtung und Unbestand, die engen Grenzen überkommener Lebensräume weiteten sich ins Unüberschaubare.

„Auch der unabhängigste Mensch, in einförmige Lagen versetzt“, folgert daraufhin Wilhelm von Humboldt 1792, „bildet sich minder aus.“ Aufklärung und Fortschritt spiegeln somit nichts als „die Zahl von sich kreuzenden Reizen und Trieben“ (Herder). Weniger das wohlige Miteinander, vielmehr Wettstreit und Ärger weisen laut Kant auch der weiteren Zivilisierung des Menschengeschlechtes den Weg.

Als „Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“ hat Arnold Gehlen dies Entwicklungs-Konzept gedeutet, das freilich von Anfang an problematisch war. Wie in Goethes „Zauberlehrling“ (1797) sind die Menschen zugleich Beweger und Opfer der neuen Weltläufe. Schon im frühen 19. Jahrhundert fühlten sie sich äußerst unwohl, Angst und Nostalgie wurden endemisch, wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett mit breitem Pinsel nachzeichnet:

Richard Sennett: „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.“ Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1983; 405 S., 44,– DM.

Der stoßweise Übergang des durch Kleiderordnung, Zunftwesen, Standesbarrieren und ähnlichem mehr reglementierten Alteuropas in die Massengesellschaft heutiger Tage bewirkte traumatische Störungen des Allgemein-Bewußtseins. Man fand sich in den anonymisierten Beziehungsrastern nicht mehr zurecht. Hierher rührt die Flut von „Benimm-Büchern“, die sich in die Bürgerstuben ergossen. Gefragt waren Verhaltensregeln, die den industriellen Gegebenheiten angepaßt waren und zugleich deren Unstrukturiertheit bewältigen halfen.

Arthur Schopenhauer hat diese Aufgabe in seiner „Fabel von den Stachelschweinen“ veranschaulicht: Die mit psychischen Dornen bewehrten Individuen drängen am „kalten Wintermorgen“ der Sachzwangwelt aneinander, um Wärme zu finden, verletzen sich aber gegenseitig bei dieser Suche. Im Hin und Her zwischen Kälte und Schmerz spielt sich schließlich eine „mäßige Entfernung“ ein – „Höflichkeit und feine Sitte“ genannt. „Konventionen“ verfolgen also zweierlei Ziele. „Sie stellen Verbindung her“, erläuterte L. M. Heckel 1922 in seinem ungemein populären Buch „Lebensform“ den Bedarf solcher Übereinkünfte, „und schützen zu gleicher Zeit den einzelnen vor der Zudringlichkeit anderer“.

Auch jene „Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“ wurde zunächst durch Konventionen getragen, die eine fruchtbare Spannung zwischen Ichentfaltung und Wirtschaftswachstum sicherstellten. Diese Balance gilt dem Autor Sennett, Professor am Center for Humanistic Studies in New York, geradezu als Ordnungs-Bravourstück der Frühmoderne. Wenngleich zuweilen (wie im viktorianischen Zeitalter) auch beklemmend, förderten laut Sennett solche Umgangsformen das öffentliche Leben, weil sie Distanz erlaubten.

Sennetts großangelegte Kultur-Chronik bedauert das spätere Schrumpfen derartiger Spielräume. Konventionen allein vermochten auf Dauer die Nebenfolgen der neuzeitlichen Entfremdung nicht auszugleichen. Das Ausmaß der industriellen Veränderlichkeit sprengte alle Formen. Wirtschaft und Technik bewiesen ein Eigenleben, aller Zielvorgaben ledig schüchterte ihr „eisernes Gehäuse der Hörigkeit“ (Max Weber) die Menschen immer mehr ein. Diese Zwänge der Moderne ließen sich bald nicht mehr ausräumen, nur noch ihre gröbsten Auswüchse waren zu mildern. Die Übermacht der Dinge sah sich – so Sennett – durch ihre umfassende „Psychologisierung“ auf menschliches Maß verkleinert.

Mit einem geradezu erdrückenden Material dokumentiert der Autor diese Flucht aus der Komplexität: Um überhaupt „die Verdinglichung“ noch erfassen und aushalten zu können, verwandeln sich den Betroffenen die objektiven Tatbestände in psychische Ereignisse. Die Hauptrolle bei diesem Täuschungsmanöver spielt der Personenkult als Ersatz für Realitätstüchtigkeit, der „Nähe“ und „Überschaubarkeit“ suggeriert, die Teilhabe am politischen Geschehen aber mehr und mehr verbaut.

„Das Absterben des öffentlichen Raumes“, so bewertet Sennett diesen Irrweg (S. 28), „ist eine Ursache dafür, daß die Menschen im Bereich der Intimität suchen, was ihnen in der „Fremde“ der Öffentlichkeit versagt bleibt“. Der kritische Beobachter nimmt Umrisse einer „narzißtischen Epoche“ wahr, die sich an die Illusion des Privaten klammert, obschon sich damit ihre Fehlanpassung vertieft.

Wie wirkt sich jene „Tyrannei der Intimität“ aus, die hier diagnostiziert wird? Das Buch will zeigen, weswegen jeder Versuch mißrät, Politik auf der Basis von Gefühlsregungen abzuwickeln. Mündet nach Aufgabe aller Konventionen, die nun für „künstlich“ gelten, jeglicher Sozialkontakt im Austausch von Emotionen, dann erlahmt nach Sennett unweigerlich der öffentliche Diskurs, weil Kommunikation nur noch Selbstenthüllung meint, ja fordert. Schlägt das Herz auf der Zunge, muß jede sachliche Diskussion das Ego bedrohen.

Der resultierende „Ausdrucksverlust“ führt aber nicht nur zur Gefühlsduselei, sondern auch in öffentliche Passivität. Dürfen sich nämlich in der Terminologie von Sennett die Gesellschaftsmitglieder im Umgang miteinander ausschließlich „verkörpern“, nicht aber mehr „darstellen“, da jede Rollendistanz nun als unwahrhaftig gilt, verkommt Politik zum Schaugeschäft. Wie auf der Bühne beherrschen Stars die Szene, das Publikum ist zu Stille und Hingabe verpflichtet.

Man muß Sennetts dichte Darlegung verfolgen, um zu beurteilen, ob man seine Sorgen teilt. Stehen wir wirklich vor einem Rückfall ins Stammesleben (S. 382)? Unstrittig scheint, daß die vom Autor beklagte Verwechslung von Gesellschaft und Ehe infolge einer allseitigen „Psychomorphisierung“ der Realität (Sennett) die „Unzivilisiertheit“ in sich birgt wie die Wolke den Regen. Das Fehlen schützender Konventionen führt dazu, daß sich alle Welt unendlich auf die Nerven geht. Und weiter: Neben vielen anderen Nachteilen – etwa dem Niedergang der Stadtkulturen – befürchtet Sennett auch politische Folgen. „Eine Gesellschaft, die nicht-personale Beziehungen und Verhältnisse fürchtet, stärkt Phantasien von einer engstirnigen Existenzweise in der Gemeinschaft.“ Was vielen heute als Ausweg gilt, macht den Soziologen Sennett mißtrauisch, denn „die Bestimmung des gemeinschaftlichen ‚Wir wird oft zu einem hochselektiven Akt der Einbildungskraft“ (S.349).

Um Sinn und Halt zu finden, flüchten die Individuen aus der Öffentlichkeit in das Kleingruppenleben. Wesen solcher Vergemeinschaftung ist nach Sennett aber die Lust, „das Fremde“ auszuschließen. Zugespitzter: Der Zusammenhalt solcher Gemeinden speist sich nicht eben selten aus der Feindschaft zu allen anderen. Verbreitert sich diese Rückzugsbewegung, dann sehen sich schließlich Weltoffenheit und Toleranz als Ausdruck der wirklichen Vielschichtigkeit der Welt bedroht, Tugenden also, welche die Bürgerära zu Beginn der Neuzeit ausgebaut hat.

„Musiker kennen die Vorstellung vom .dritten Ohr. Sie meinen damit“, schreibt der Verfasser (S. 360), „jene Selbst-Distanz, die den Musiker in die Lage versetzt, sich beim Üben zuzuhören“, um Fehler nicht zu verfestigen. Befangen in der Verallgemeinerung höchst privater Verhaltensmuster muß sich der Zeitgeist wieder jenes „Dritten Ohres“, besinnen, um Kurskorrekturen vorzunehmen. Nur in der Polarität von „Person“, und „Verhalten“, mit Sennett also durch die Fähigkeit zur „Maskenschau“, kann „Entfremdung“ wieder als Chance begriffen werden. Etwa als Vorbedingung einer Freiheit, die Authentizität nicht im Allzumenschlichen, sondern im mitverantworteten Gemeinwohl sucht.