Münster

Du müßtest mal im Frühjahr hierherkommen“, meint Olaf Miosga, Biologiestudent an der Universität Münster. „Da fühlst du dich wie in Hitchcocks Krimi ‚Die Vögel‘.“ Jetzt, zur Winterzeit, wirkt das Gebiet wie ausgestorben. Nur ein paar Möwen fliegen über uns hinweg, in einiger Entfernung zieht eine Rohrweihe ihre Bahn, und auf den Feldwegen kurvt ein Omnibus Gäste aus der Landeshauptstadt Düsseldorf durchs Gelände. Olaf: „Ausgerechnet jetzt kommt der Petitionsausschuß hierhin, wo es nichts zu sehen gibt.“

Olaf Miosga ist Mitglied der Bürgerinitiative „Rettet die Rieselfelder“, die gemeinsam mit der Kreisgruppe Münster des „Bundes Umwelt und Naturschutz Deutschland“ (BUND) sowie der „Biologischen Station Rieselfelder“ im März den Petitionsausschuß des nordrhein-westfälischen Landtags angerufen hatte. Am Dienstag vergangener Woche schließlich nahmen die Landtagsabgeordneten das Gelände in Augenschein.

Die „Rieselfelder Münster“, im Norden der Stadt gelegen, sind ein einzigartiges Vogelschutzgebiet. Sie sind der größte Rast- und Mauserplatz für Wat- und Wasservögel im mitteleuropäischen Binnenland. Auf dem alljährlichen Zug nach Süden machen täglich bis zu 30 000 Wasservögel aus Nordeuropa und Sibirien hier Station. Darüber hinaus ist das Reservat Lebensraum für viele bedrohte Schmetterlingsarten und Amphibien sowie Brutplatz für dreizehn Vogelarten, die auf der Roten Liste stehen, also besonders stark vom Aussterben bedroht sind. Wegen seiner herausragenden Bedeutung wurde das Gebiet 1978 von der Deutschen Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz zum „Europareservat“ erklärt.

Nun droht dem Revier die Vernichtung. Die Stadt Münster plant, unmittelbar nebenan ein Industriegebiet zu erschließen. Münsters Wirtschaftsstruktur müsse „dringend verbessert“ werden, so die Begründung der Verwaltung, da sie „mit 77 Prozent im tertiären Wirtschaftsbereich einseitig geprägt“ sei – was heißt: zuviel Verwaltung, zu wenig gewerbliche Wirtschaft. Da aber gerade im Verwaltungsbereich eine, „Revolution“ der Arbeitsplätze „durch Mikroprozessoren“ bevorstehe, „muß die Stadt sich stärker darauf vorbereiten, gegebenenfalls freiwerdende Arbeitsplätze im tertiären Bereich durch gewerbliche Arbeitsplätze ausgleichen zu können . Nach Abwägung aller Faktoren komme für die Neuansiedlung von Industrie nur der Münsteraner Norden in Betracht.

Im Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie scheint, wieder einmal, ein Stück Natur auf der Strecke bleiben. Ungeachtet massiven Protestes – die Bürgerinitiative sammelte bisher 25 000 Unterschriften gegen das Projekt – und unbeeindruckt von den Warnungen vieler Experten ist die christlich-demokratisch regierte Stadt entschlossen, ihren sogenannten Entwicklungsplan „Münster 2000“ durchzuziehen.

In seiner Existenz bedroht wird dadurch ein Gebiet, das sich seit der Jahrhundertwende allmählich zum unersetzlichen Vogelreservat entwickelte. Im Jahr 1901 legte die Stadt Münster hier die ersten von später 400 quadratischen Rieselfeldern an, auf denen die Abwässer der Stadt im Sickerverfahren biologisch geklärt und durch ein unterirdisches Rohrsystem anschließend der Ems zugeleitet wurden. Die künstlich angelegten Wasserflächen dienten jedoch nicht nur der Reinigung. Der nur wenige Zentimeter hohe Wasserspiegel und der nährstoffreiche Boden boten optimale Nistmöglichkeiten für Wat- und Wasservogel. Die 640 Hektar große Fläche ersetzte natürliche Lebensräume der Vögel, die durch Flußbegradigungen, Flurbereinigungen und Trockenlegung Von Moorlandschaften zerstört worden waren.