Von Ulrich Greiner

Einer der wunderbarsten, einer der rätselhaftesten Filme, die ich je sah, ist „Nostalghia“ von Andrej Tarkowski. Die sanfte Gewalt, die nie geschaute Schönheit seiner Bilder ist so heftig, daß man sie im Kopf behält wie einen Traum, den man immer wieder träumt. Es ist, als läse man Dostojewski zum ersten Mal.

„Nostalghia“ ist der sechste Film des 53 jährigen sowjetrussischen Regisseurs. Und der erste, den er im Ausland drehte, in Italien. Tarkowski gilt als das enfant terrible des sowjetischen Kinos. Seine Filme, zuletzt „Stoiker“ (1979), wurden in Moskau als zu schwierig und zu düster abgelehnt. Man erzählt, Tarkowski leide in seiner Heimat unter Repressionen. So habe er viele Jahre warten müssen, bis er den Film „Andrei Rubljow“ (1965/66) realisieren und schließlich öffentlich zeigen durfte.

Ich kann nicht beurteilen, ob das Bild vom verfolgten Genie Tarkowski zutrifft, aber seine Filme zeugen von einem Eigensinn, von einer exzentrischen Phantasie und Weltdeutung, kurz: von Eigenschaften, die ihm auch bei uns im Westen das Leben schwer machen würden.

Üblicherweise beginnt man, wenn man Leser für einen Film erwärmen möchte, den Inhalt zu erzählen. Das geht bei narrativen Filmenganz gut, und tatsächlich erzählen die meisten Filme eine Geschichte. Die Geschichte hat eine „Botschaft“, sie will etwas mitteilen, etwas befragen, etwas deuten. Das Dilemma bei diesem Film besteht darin, daß er nicht auf herkömmliche Weise erzählt. Die Geschichte ist dunkel, seinen Inhalt kann man nicht referieren, und seine „Botschaft“, wenn er denn eine hat, habe ich nicht verstanden. Schlechte Voraussetzungen für eine Rezension. Tröstlich ist allenfalls, daß die Kritiker, die nach der Premiere in Cannes 1983 über „Nostalghia“ sich äußerten, enthusiastisch und zugleich seltsam sprachlos wirkten, als hätte ihnen dieser Film die Routine verschlagen.

Ein Mann steigt in einem Hotel ab. Mit seiner Begleiterin, einer sehr schönen, wie von Botticelli erfundenen Frau, wartet er in der Hotelhalle. Sie sitzen in irgendwie zufällig herumstehenden Sesseln, ein jeder für sich, die Rücken zum Zuschauer gekehrt. Manchmal, wenn sie sich dem Mann zuneigt, sieht man das Profil der Frau, ihre goldfarben gelockte Mähne. Der Mann sitzt von ihr abgewendet, schweigsam, in sich versunken. Der Raum ist sehr dunkel, nur von der Seite fällt gedämpfte Helligkeit, in den Hintergrund erstreckt sich ein langer Korridor, dessen polierte Steinplatten im Licht eines fernen Ausganges glänzen. Die Situation des Wartens wird übermächtig. Ein Warten, das ohne Ziel und ohne Ursprung scheint, und die wenigen Sätze, die gesprochen werden, bleiben wie erstarrt in der Stille, im Dunkel stehen.

Später liegt der Mann allein auf einem Messingbett. Links sieht man ein geöffnetes Fenster, das auf eines Innenschacht hinausgeht. Rechts blickt man in ein helleres Badezimmer, in dessen Spiegel ein Teil des dunklen Schlafraumes zu erkennen ist. Auf den Mann fallen von der Seite durch geschlossene Fensterläden unscharfe Streifen. Und dann fängt es zu regnen an. Der Regen ist ein Ereignis. Mit seinem Raunen und Rauschen füllt er die Stille aus, löst wohltätig die angestaute Spannung und verwandelt die Landschaft dieses Zimmers in ein lebendes Gewebe aus Schatten. Das Licht (und immer kommt es bei Tarkowski auf das Licht an) wird gebrochen durch die an den Fensterscheiben herabfließenden Wasser (und immer kommt es bei Tarkowski auf das Wasser an). Das Zimmer erflackert im Schein der wasserhellen und wasserdunklen Strahlen. An der häßlich grauen Wand des Lichtschachtes lösen sich Brocken von Putz und Schmutz und schwimmen hinab, das Wasser, der Regen ist allgegenwärtig, auf dem steinernen Boden breitet sich eine Lache aus. Aus dem Badezimmer kommt ein großer Hund, er streicht um das Bett und legt sich unterhalb des schlafenden Mannes auf den Boden, säuberlich neben die Pfütze. Da verfärbt sich die rembrandtfarbene Dunkelheit des Zimmers in Schwarz, und auf dem Bett liegt eine weißgekleidete Frau. Sie ist schwanger, und noch ragt ihr Bauch. Jetzt hört es auf zu regnen, zwar plätschert es noch, aber draußen wird es offenbar heller, denn die Lichtstreifen sind nun klar und konturiert. Der Mann steht auf.