Hokuspokus – alles wieder wie es war

Im Fall Wörner/Kießling verpaßte der Bundeskanzler seine Chance

Von Marion Gräfin Dönhoff

Für diejenigen unter uns, die seit Kriegsende am Aufbau der Bundesrepublik mitgewirkt haben und die ein wenig stolz darauf sind, daß da ein Staat entstanden ist, der toleranter ist als alle seine Vorgänger, mit einer Gesellschaft, die liberaler ist, als dies auf deutschem Boden bis dahin üblich war – für sie alle sind die Bonner Geschehnisse der letzten Wochen eine bittere Enttäuschung gewesen.

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Ohnmächtige Wut erfaßt einen angesichts der moralischen Unbekümmertheit, mit der in Bonn das Vertrauen der Bürger, dieses mühsam angesammelte Kapital, verschleudert wurde. Erst die Leichtfertigkeit, mit der der Minister der Verteidigung die Reputation eines der drei ranghöchsten Generale ruinierte, ohne Beweise in der Hand zu haben, nur auf Grund von Aussagen höchst dubioser Zeugen; dann die desparate Kopflosigkeit, die ihn ergriff, als er selbst in die Klemme geriet, gerade ihn, der doch im Falle einer ernsten Krise Besonnenheit, Umsicht und klare Entscheidungsfähigkeit beweisen müßte; schließlich der vollkommene Mangel an Stilgefühl, mit dem jener zwielichtige Herr aus Zürich aufgestöbert, eingeladen und wichtig genommen wurde.

Der Ehre verpflichtet

Am Ende dann zwei Briefe, und – Hokuspokus – ist alles wieder, wie es vorher war: Der Minister sitzt auf seinem Stuhl, der General ist wieder im Stande der Unschuld, und der Kanzler meint, er habe mit dem Siegel des Staatsmanns dem Vorgang moralische Legitimität verliehen.

Das wirklich Verletzende – mit Hokuspokus nicht wieder Gutzumachende – ist die zutage getretene Nichtachtung dem jeweiligen Amt gegenüber. Wie anders geht es da in England oder Amerika zu. To serve the country – dem Lande zu dienen, das steht über allem anderen, da verlassen die Leute dreifach so hoch dotierte Stellungen, um dieser Ehre teilhaftig zu werden. Bei uns führen sich viele so auf, als seien die Ämter ihr Privatbesitz, als seien sie niemandem Rechenschaft schuldig; sie denken nur an ihre Karriere und an ihren Job, die Quelle der Macht und des angenehmen Auskommens. An das Ganze denken nur mehr wenige. Wahrlich, die politische Dürftigkeit der Regierung und die geistige Situation der Bundesrepublik haben sich in diesen Wochen auf eine erschreckende Weise enthüllt.

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