Von Irmgard Bayer

Seit fast zehn Monaten leben die Österreicher ohne ihren Sonnenkönig, den Bundeskanzler Bruno Kreisky. Aber noch immer wissen sie nicht, was sie von ihrem neuen Bundeskanzler Fred Sinowatz und seiner sozialistisch-freiheitlichen Koalition zu erwarten haben. Denn Sinowatz, der neue Hausherr am Ballhausplatz, liebt die Bedächtigkeit – und so können die Österreicher nur ganz langsam herausfinden, was für eine Art von Politik er machen wird.

„Das muß man alles sehr sorgfältig prüfen“, „das ist alles sehr schwierig“, sind die Aussprüche, die man vom neuen Bundeskanzler bis jetzt am häufigsten gehört hat, während Vorgänger Bruno Kreisky mehr die starken Entscheidungen liebte. „Wie ein Blitz“ wäre Kreisky zum Beispiel dreingefahren, so hat er vom Altenteil aus den Zeitungen mitgeteilt, als das in rote Zahlen geratene Unternehmen Steyr-Daimler-Puch den Abbau von 900 Beschäftigten anzukündigen wagte. Nachfolger Sinowatz indes ließ sich auf langwierige Verhandlungen ein. Sein Sozialminister präsentierte schließlich das „Modell Steyr“: Die 35-Stunden-Woche für ein Jahr, Staatsnilfe mit Aufträgen, aber darüber hinaus keine Beschäftigungsgarantie.

Journalisten und Wahlvolk in Österreich waren so lange ihren absolutistischen König Bruno gewöhnt, daß sie zunächst auf das Zaudern am Ballhausplatz mit Enttäuschung reagierten. Der prominente Meinungsforscher und Vordenker für die Sozialistische Partei (SPÖ), Ernst Gehmacher, erklärt aber just dieses Zögern als Strategie: Sinowatz sei ein Zauderer, er wolle sich durch weniger Hineinregieren bewußt von der bisweilen selbstherrlichen Art seines Vorgängers abheben.

Ansonsten aber wird Sinowatz mit dem Erbe des Bruno Kreisky leben müssen: Kreisky hinterließ ein dickes Bündel von wirtschaftlichen Problemen, weil er sie lange Jahre nicht zur Kenntnis nehmen wollte.

Längst hat die lange Durststrecke in der Konjunktur offenbar gemacht, daß auch Österreich keine Insel der Seligen ist. Zwar erwartet die Alpenrepublik dieses Jahr im Schnitt nur 5,2 Prozent Arbeitslosigkeit, was international noch immer sehr gut ist. Aber in Österreichs zum größten Teil verstaatlichter oder halbstaatlicher Großindustrie zeigen sich jetzt die Probleme. Erstmals müssen in Industriebetrieben Kündigungen großen Umfangs ins Auge gefaßt werden. Der Wirtschaftssprecher der Opposition, Robert Graf von der österreichischen Volkspartei (ÖVP), kritisiert: „Kreisky hat stets nur stückweise zugegeben, daß etwas schiefgegangen ist, die bewußte Ignorierung der Probleme rächt sich jetzt.“

Deutlichstes Beispiel sind die staatlichen Vereinigten Edelstahlwerke (VEW). Das Unternehmen muß sich innerhalb der nächsten drei Jahre von 3000 seiner bisher 13 000 Mitarbeiter trennen. In der Kreisky-Nachfolge-Regierung mußte der zuständige Staatssekretär Ferdinand Lacina bekennen, daß man das Unternehmen „eigentlich“ längst hätte zusperren müssen. Jahrelang schon haben die VEW Verluste in Höhe von umgerechnet 300 Millionen Mark pro Jahr produziert. Staatssekretär Lacina bei einer der zahlreichen Verhandlungsrunden zum Problem VEW: „Das ist auf die Dauer nicht zu finanzieren.“