Japans Fernsehsender bieten allabendlich ihren Zuschauern eine bunte Mischung aus Samurai-Dramen, Sport und Sex und dazwischen immer wieder Werbung, Werbung ... In die sich immer wiederholenden Anpreisungen von Autos, Parfüm oder Nudeln schaltet ein Restaurant in Tokio einen Werbespot, in dem eine kokette Kimonodame zu einem nicht alltäglichen Gaumenschmaus einlädt: Fleisch dünn geschnittenes Fleisch von Seeschildkröten, in Sojasoße getunkt. Dann lächelt sie vielsagend und bekennt zweideutig: „Der Männer wegen!“

Die gastronomische Botschaft hat denn auch nichts mit dem guten Geschmack zu tun. Seeschildkrötenfleisch steht in Japan im Verdacht, aus den im Arbeitsalltag zum Wohl der Nation erschlafften Japanern daheim wieder ganze Männer zu machen.

Für dieses menschliche Anliegen der japanischen Hausfrauen hat die Regierung in Tokio größtes Verständnis.

Obwohl Japan zu den 82 Signatar-Staaten der „Konvention über internationalen Handel mit gefährdeten Arten wilder Tiere und Pflanzen“ zählt, die seit 1980 den Fang vor allem der grünen Seeschildkröte ächtet, zeigt das so oft als importfeindlich geschmähte Japan sich hier von der besten Seite: „Zum Schutz der heimischen Industrie, die Schildkröten verarbeitet, gestatten japanische Gesetze den Handel mit der grünen Seeschildkröte“, klärt die Tageszeitung Mainichi das Volk auf.

Um diese Schlüsselbranche des Wirtschaftsriesen Japan steht es nicht zum besten. 1979 hatte sie noch 127 Tonnen Seeschildkrötenfleisch als ihren Beitrag zu einer besseren Importstatistik und zum häuslichen Glück Japans verarbeitet. 1982 waren es nur noch 44 Tonnen. Die Schildkröte stirbt aus. Deshalb kann die Nachfrage nach dem angeblichen Aphrodisiakum in Japan nicht mehr voll befriedigt werden.

Überdies machen es die Japaner den Ausländern mit ihrem Importeifer auch wieder einmal nicht recht. Seit sich eine japanische Firma bei der pazifischen Inselrepublik Palau um die exklusiven Fangrechte für die bedrohten Schildkröten beworben hat, beschäftigt sich die World Wildlife Foundation (WWF) mit dem Importbegehren. Die Gewässer um Palau sind weltweit die wichtigsten Brutplätze der grünen Seeschildkröte.

Aber nicht allein dem Seegetier droht Ausrottung, weil es zu seinem Unglück eine so wichtige Rolle im japanischen Liebesleben spielt. Auch der im Himalaya lebende Moschus-Hirsch genießt den für ihn lebensgefährlich Ruf, zur Stärkung des Mannes einen wertvollen Beitrag liefern zu können. Obwohl ebenfalls zu seinem Wohl eine Schutzkonvention die kommerzielle Verwertung verbietet, geht in Tokio der Schutz der heimischen Pharma-Industrie vor.