Von Stefanie von Viereck

Sener Kutay ist Chef einer Berliner Installationsfirma mit 120 Beschäftigten. Er zählt zu den wenigen Türken, die in Deutschland den Sprung in die oberste Etage eines Unternehmens geschafft haben. 1963 kam der Diplomingenieur in die Bundesrepublik und wurde bereits 1972 Partner in der Firma Richard Franz. Heute führt er das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund zwölf Millionen Mark gemeinsam mit dem deutschen Diplomkaufmann Detlef Frach.

Als Techniker ist Sener Kutay auch für die Ausbildung der 24 Lehrlinge verantwortlich. Doch damit begannen vor gut einem Jahr die Schwierigkeiten. Bis dahin war der Schwiegersohn des Firmengründers als technischer Leiter in die Handwerksrolle der Kammer eingetragen. Doch der war schon seit Jahren nicht mehr aktiv. Als Sener Kutay nun auch offiziell die Nachfolge antreten wollte, zweifelte man plötzlich an seiner Qualifikation. Dabei war ihm bereits 1972 laut Senatsschreiben die fachliche Eignung für die Ausbildung „widerruflich“ zuerkannt worden. Da nützte auch die längst erworbene deutsche Staatsbürgerschaft wenig.

Der „neugeborene Preuße“, wie Sener Kutay sich selbst gerne bezeichnet, mußte nach Istanbul fliegen, um an der Universität rund siebzig Fächernachweise einzuholen. Übersetzt und beglaubigt schickte er die Zeugnisse an die Senatsverwaltung und bildet nun weiter seine Lehrlinge aus. Doch weder Handwerkskammer noch Senat haben seine Eignung bisher bestätigt.

Ob Ingenieurdiplom oder Meisterbrief, der Nachweis der Qualifikation ist für viele Türken, die sich im Handwerk selbständig machen wollen, das größte Handicap. Nicht selten ist deshalb ein deutscher Rentner pro forma als Meister in die Handwerksrolle eingetragen. Ein anderer Trick: Eine Schneiderei nennt sich beispielsweise Änderungsschneiderei, weil dann kein Meisterbrief erforderlich ist. Vertreter der Handwerkskammern, so heißt es nicht nur beim türkischen Generalkonsulat, sondern auch im Bonner Büro der Ausländerbeauftragten Lieselotte Funcke, erteilen die erforderlichen Genehmigungen nur ungern. Deutsche Gewerbetreibende fürchten die ausländische Konkurrenz. Die Innungen machen sich stark. Nur wer den deutschen Paß besitzt, kann sich in ihre Gremien wählen lassen.

Voraussetzung für jede Art der Selbständigkeit ist ohnehin die unbefristete Aufenthaltsberechtigung. Sie wird dem Ausländer in der Regel nach acht Jahren erteilt, wenn er gut deutsch spricht, in Lohn und Brot steht und seine Kinder hier zur Schule gehen. Von den rund 1,5 Millionen Türken in der Bundesrepublik haben knapp fünfzigtausend eine solche Aufenthaltsberechtigung. In Berlin sind mit diesem Status keinerlei Auflagen mehr verbunden. Wer aufenthaltsberechtigt ist, kann Obst und Gemüse verkaufen oder eine Imbißbude aufmachen.

Es gibt jedoch keine einheitliche Regelung für das gesamte Bundesgebiet. Der Ermessensspielraum der zuständigen Wirtschaftsverwaltungen ist groß. Und im türkischen Generalkonsulat in Bonn wird darüber geklagt, daß dieser Spielraum auch kräftig genutzt wird – zu Lasten der Ausländer. Denn wenn es um die Erteilung der Erlaubnis geht, werden auch die Handelskammern um Rat gefragt, und hier macht der deutsche Einzelhandel seinen Einfluß geltend. Auf die türkischen Kunden – nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit verdienen die türkischen Arbeitnehmer in der Bundesrepublik immerhin rund sechzehn Milliarden Mark netto im Jahr – möchte nämlich kein Händler verzichten. Hat sich jedoch im Nachbarladen erst einmal ein Türke niedergelassen, kaufen seine Landsleute lieber dort.