Unser heutiges Zeitalter erweist sich als eine „eminent vernunftlose Ära“

Von Jost Nolte

Es ist die Erfahrung mit der Physik, die Carl Friedrich von Weizsäcker gelehrt hat, mit den erkennbaren Größen einer unüberschaubaren Wirklichkeit zu rechnen. Als Philosoph wirbt er darüber hinaus für die „Wahrnehmung des Ganzen“, in das sich die Teile, nämlich – was die Politik angeht – die Sonder-Interessen und mit ihnen die Machtstrukturen, fügen sollen.

Die mathematische Grundfigur schimmert immer wieder durch. In seinem Buch

Carl Friedrich von Weizsäcker: „Wahrnehmung der Neuzeit“; Carl Hanser Verlag, München 1983; 440 S., 39,80 DM

lobt Weizsäcker die Mathematik als Sprache des Beweises, die ihre Gestalten in den vollziehbaren Entscheidungen zwischen Wahr und Falsch schafft. Die Wahrnehmung des Ganzen stellt sich ihm dabei als Vernunft dar, die anders als der Verstand, anders als das nur begriffliche und instrumentale Denken, auf Integration zielt und Lösungen ermöglicht.

Auf die Politik angewendet: Weil die Staaten in einer machtförmigen Welt hinter den Problemen der Menschheit zurückbleiben, gilt es, die Kräfte der Vernunft zu wecken und Bewußtseins- – wandel zu bewirken – in Richtung auf eine befriedende Weltinnenpolitik, ein Wort, für das Weizsäcker das Urheberrecht beansprucht. Etwas bescheidener: Bewußtseinswandel wenigstens in Richtung auf eine weltweite Verständigung zwischen den Staaten, die nicht gleich der Vernunft gehorchen müssen, aber sich in „Vernünftigkeit“ üben sollen.