Im Vorwort zur französischen Neuauflage vor fünfundzwanzig Jahren läßt Le Corbusier genießerisch die Kritik an seinem alten jungen wilden Buch Revue passieren. „Er ist ein Verrückter!“ haben sie gesagt? „Es leben die Extreme!“ rief er zurück. „Aber vielleicht ist es nicht einmal das schlechteste, noch mit siebzig angepöbelt zu werden.“ Aber hatte er denn nicht selber seine Genossen, die Architekten, angepöbelt? Und sie mit seinen Stakkato-Parolen kalt übergössen? „Ein großes Zeitalter ist angebrochen“, hatte er posaunt. „Ein neuer Geist ist in der Welt. Es gibt eine Fülle von Werken des neuen Geistes; man begegnet ihnen vor allem in der industriellen Produktion. Die Architektur erstickt am alten Zopf. ‚Stile‘ sind Lüge. (.. .) Unsere Zeit prägt täglich ihren Stil.“

Dies etwa ist die Quintessenz dieses Buches, das im Handumdrehen Verbreitung fand und seinen Verfasser weltbekannt machte. Es bestand aus Artikeln, die Le Corbusier – der 1887 unter dem Namen Charles Edouard Jeanneret geboren war – 1920 und 1921 für L’Esprit Nouveau geschrieben hatte, eine Zeitschrift, die er mit dem Dichter Paul Dermee und dem Maler Amedee Ozenfant just in Paris gegründet hatte. Auf Anregung des Verlegers Paul Lafitte versammelte er sie 1923 in einem Buch, dem er den programmatischen Titel „Vers une Architecture“ gab. Es erschien, übersetzt von Hans Hildebrandt, 1926 auf deutsch; sein Titel „Kommende Baukunst“ wurde für die neuen deutschen Auflagen korrigiert in „Ausblick auf eine Architektur“. Es ist ein kristallklares und zugleich überschäumendes, ein knapp formuliertes, mit Wiederholungen durchsetztes Buch, ehrgeizig, überdreht und radikal, eifernd, arrogant und seherisch, ein Manifest. Der Historiker Leonardo Benevolo nennt die Theorieformeln des Autors, der sich hier zum erstenmal Le Corbusier genannt hat, „oft etwas simpel und einseitig“. Er wollte Einsicht, vor allem aber Neugierde wecken.

Es ist ihm geglückt. Er hat seine Adressaten, die Architekten, gegen sich aufgebracht und begeistert. Was die meisten praktizierten, hielt er für hoffnungslos veraltet. Die neue, die wahre Architektur entstünde auf den Konstruktionstischen der Ingenieure. Die Ingenieure, sagt er, gehorchten den Gesetzen der Natur; sie achteten nüchtern auf den Zweck, dächten wirtschaftlich und brächten, solchermaßen den Zufall (des Geschmacks) meidend, Schönheit hervor. Und so entschließt er sich zu „Drei Mahnungen an die Herren Architekten“.

In der ersten ruft er „die Herren“ auf, sich zu korrigieren, denken zu lernen wie Konstrukteure und sich nach Gesetzen umzusehen, kurzum, die Geometrie wiederzuentdecken. Er weist auf die Bedeutung des Baukörpers hin, er erinnert deshalb an die „Baukunst aus Prismen, Würfeln und Zylindern, Triedern oder Kugeln“ und verdammt die Schnörkel. „Man sehe sich die Silos und Fabriken aus Amerika an, prachtvolle Erstgeburten der neuen Zeit.“

Seine zweite Mahnung gilt der Außenhaut. Sie sei weder bloße Umhüllung, noch dürfe sie zum Selbstzweck entarten, sondern habe den Baukörper „mit Leben zu erfüllen“. Sie sei klar, zweckmäßig, eins mit dem Gebäude und entfalte Anmut.

Die dritte Mahnung hat den Grundriß zum Inhalt, denn „aus dem Grundriß entsteht alles“. Er bedeute Ordnung, und Ordnung sei Voraussetzung für Harmonie. Er zeigt als Beispiele die Hagia Sophia, Tony Garniers wunderbaren Entwurf einer Cité Industrielle und seine eigenen megalomanischen Turmstädte, weitschweifige, monumentale Gartengroßstadt-Idyllen mit schnurgeraden Straßensystemen. Er liebt es, tabula rasa zu machen.

Im Kapitel drauf lenkt L-C (so unterzeichnete er seine Pläne) die Aufmerksamkeit noch stärker auf die Geometrie, diese Sprache des Menschen, und predigt die „Maß-Regler“ als die beste „Versicherung gegen die Willkür“. Er illustriert es mit Bauten, deren Maßverhältnisse er bewundert: lauter Klassiker der Baugeschichte. Obwohl Le Corbusier der einflußreichste Herold einer modernen Architektur des Industriezeitalters war, ein streitlustiger Romantiker des Fortschritts, wandte er seinen Blick stetig zurück. Der Weitgereiste sah sich, wie Julius Posener anmerkte, „als einen Vollstrecker der Geschichte“. Da er gewisse Prinzipien aus der Geschichte herauszulassen versuchte, sei er sogar ein Mann der Beaux Arts – was er, selbstverständlich, heftig bestritten hätte.