Von Gerd Reuter

Der Stoff, aus dem die Klippen sind, ist steinalt: 75 Millionen Jahre etwa. Aber die „Klinten“ – so der dänische Name für die Steilküste – sind erdgeschichtlich noch taufrisch. Erst vor 20 000 Jahren preßten Gletscher die alte Schieferkreide, die als Kalkschlamm aus der Tiefe des Ur-Meeres stammt, zu jenen stolzen Felsen zusammen, die heute der Stolz von Man sind.

Daß die nach Osten weisenden, in der Sonne strahlendweißen Küstenfelsen im flachen dänischen Königreich auch topographisch einen Höhepunkt darstellen, versteht sich. Die höchste Erhebung, der Dronningstolen (Königinnenstuhl), reckt sich 128 Meter auf. (Dänemarks höchster Berg mißt 171 Meter.) Diese Angabe ist – wie alle Maßzahlen in den Klinten – ohne Gewähr. Die See arbeitet ständig am Profil der Felsen, im 100-Jahre-Rhythmus ändern sie völlig ihr Gesicht.

Bei gutem Wetter sieht man von hier oben sogar Rügen, dessen Kreidefelsen nicht minder berühmt sind. Aber selbst im strahlenden Sonnenschein sind die Klinten feucht und glatt. Da empfiehlt es sich, die zahlreichen Schilder, die vor Klettertouren warnen, todernst zu nehmen. Manch einer brach sich schon das Genick in der bizarren Kreidewelt. Einheimische berichten, daß besonders deutsche Touristen hier gern Kopf und Kragen riskieren.

Dabei führen sechs sichere Treppen hinab an das häufig tosende Meer, Treppen, die in ein Paradies der Steinsammler führen. Mit Glück findet man hier Tierversteinerungen, meist von See-Igeln, bisweilen aber auch von Korallen. Besonders begehrt sind „Rasselsteine“, Steine im Stein, die wie Babyspielzeug klappern. Ein Hamburger Rundfunkredakteur, ein Rasselstein-Experte von hohem Rang, hat schon eine ganze Sammlung dieser verkalkten Raritäten zusammengetragen.

Im ,,Klinten-Wald“, der sich an die Steilküste anschließt, wachsen viele Orchideen in acht verschiedenen Arten. Die Møn-Bewohner sind stolz auf diese Laune der Natur, verständlich, daß sie es überhaupt nicht gern sehen, wenn Besucher die seltenen Pflanzen als häuslichen Blumenschmuck ausführen wollen.

Wenn der Wald sich im Norden lichtet, weicht er satten Grashängen, auf denen Ochsen fressend den Tag vertrödeln. Dieser banale Vorgang wäre nicht der Rede wert, wenn nicht ein dänischer Reiseführer diese Tiere der Gattung „Hereford“ mit euphorischen Worten erwähnte: „Das beste Steak, das jemals auf vier Beinen gestanden hat.“ Man müsse überzeugter Vegetarier sein, um „seine Zähne nicht hineinzuschlagen“. Der Autor denkt dabei wohl mehr ans Steak als an das lebende Objekt. So kann seine Behauptung in den (meist guten) Inselrestaurants gefahrlos überprüft werden.