Politik ist wirklich oft so, wie es sich der kleine Moritz vorstellt: eine Summe kleinkarierter Geschäfte und Gegengeschäfte, ausgeführt von Leuten, die sich dem Niveau ihrer Geschäfte unentwegt anzupassen versuchen. Ein Beispiel dafür zeigt sich im Gefolge jener merkwürdigen Entscheidung des Bundeskabinetts vor zwei Wochen über die Grundregeln des Bankgeschäfts, bei der sich insbesondere die Freien Demokraten blamiert haben, als sie es zuließen, daß Bankgeschäfte unter bestimmten Umständen auch künftig ohne eingezahltes Eigenkapital betrieben werden können und daß überdies die Konzentration in der Kreditwirtschaft nun noch weiter voranschreiten wird – siehe dazu DIE ZEIT von der vergangenen Woche: „Zwei Fehler an einem Tag“. Mit dem erstgenannten dieser beiden Fehler wirbt nun der FDP-Bundestagsabgeordnete und Wirtschaftssprecher Helmut Haussmann im baden-württembergischen Landtagswahlkampf in einem Brief an die dortigen Volksbanken und Raiffeisenbanken – denn just diese Banken sollen, wie schon seit der Nazi-Zeit, auch künftig Geschäfte unter Bedingungen machen dürfen, die anderen Banken und Sparkassen verwehrt sind. Haussmann: „Mit Befriedigung“ stelle seine Fraktion fest, daß die Bundesregierung insgesamt ihr in dieser Frage gefolgt sei.

Die Wähler, in diesem Falle die mittelständische Klientel der örtlichen Volksbanken und Raiffeisenbanken, mögen, so Haussmanns zwar unausgesprochene aber doch glasklare Erwartung, den Liberalen diese plumpe Gefälligkeit am 25. März, wenn gewählt wird, honorieren. Wie es aussieht, wird Haussmanns Wunsch zum Teil sogar in Erfüllung gehen: Die FDP kann mit etwa acht Prozent der Stimmen rechnen, muß sich aber wohl darauf einrichten, daß die CDU des Ministerpräsidenten Lothar Späth die absolute Mehrheit der Mandate erringt.

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So schnell also ist das gegangen: Die Staatsfinanzen sind „wieder in Ordnung“ – aus der Sicht des CDU-Generalsekretärs und Familienministers Heiner Geißler, der daraus den Schluß zieht, daß nun viel Geld für Mütter und für Familien mit Kindern ausgegeben werden sollte. Noch drastischer klingt Franz Josef Strauß’ Warnung vor zuviel Sparsamkeit: Es habe keinen Sinn, einem sterbenden Volk gesunde Haushalte zu überlassen – also heraus mit dem Geld, um dem Sterben Einhalt zu gebieten.

Bei so sorglosem Umgang mit dem Begriff der „Konsolidierung“ der Finanz- und der Wirtschaftspolitik drängt sich denn doch die Erinnerung an viele Äußerungen jetziger Koalitionspolitiker von vor zwei, drei Jahren auf, als die „Wende“ für sie noch nur ein Wunsch war. Damals sprach man noch davon, daß die Grundbedingungen des wirtschaftlichen und des sozialen Lebens geändert werden sollten. Kluge Konservative wie Kurt Biedenkopf haben dazu auch im Detail Ratschläge erteilt. Können sie eigentlich zufrieden darüber sein, daß, obwohl noch kaum eine ihrer damaligen Forderungen verwirklicht worden ist, bereits wieder jene „Normalität“ ausgerufen ist, an der die vorherige sozialliberale Koalition schließlich gescheitert ist?

Auf der „Arbeitnehmerbank“ des wirtschaftspolitischen Sachverständigenrates geht es ziemlich hektisch zu – hektischer jedenfalls, als es den Gewerkschaften, die bei der Benennung eines der fünf Sachverständigenrats-Mitglieder ein Wort mitzureden haben, recht sein kann. Denn zum Ende dieses Monats scheidet Professor Hans-Jürgen Krupp aus, Präsident des angesehenen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und bei der letzten Bundestagswahl Mitglied der Mannschaft des SPD-Kanzlerkandidaten Hans-Jochen Vogel. Krupp hat dem Sachverständigenrat nur zwei Jahre angehört, und doch erfolgt sein Abschied termingerecht – er war in das noch laufende und auf fünf Jahre begrenzte Mandat seines Vorgängers Werner Glastetter „eingestiegen“. Nahegelegen hätte es freilich, Krupps Mitgliedschaft zu verlängern, doch dies scheiterte an der Arbeitsüberlastung des Wissenschaftlers.

So wird denn innerhalb kurzer Zeit bereits der dritte Mann den gleichen Stuhl einnehmen – Dieter Mertens soll es sein, Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, ein renommierter Arbeitsmarkt-Experte mit einem freilich besonders stark ausgeprägten Faible für arbeitsmarktpolitische Programme der amtlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Das garantiert schon jetzt für Spannungen unter den „Fünf Weisen“.