West-Berlin

Till, eben noch als Cowboy in seinem Element, stülpt sich die Fäustlinge über, rückt seinen Schutzschild zurecht und betritt den Boxring. Der K. o. seines Gegners scheint gewiß.

Auch nebenan tobt die Schlacht. Da werden immer wieder Knaller in die Gewehrläufe geschoben, mit Geheul oder stiller Routine Plastikpistolen aufeinandergerichtet. In rasantem Tempo steuern Kettears auf Füße und Wände zu, Fußbälle schießen von einer Ecke in die andere, auf dem Matratzenlager keuchen Ringkämpfer. Nach knapp zwei Stunden erste Anzeichen der Erschöpfung. Schweißnasse Hemden landen auf dem Boden, ermattete Kämpfer werden liebevoll massiert.

Nach Feiertagen und Ferien haben Kinder ein besonders großes Bedürfnis, Dampf abzulassen, sagt Gottfried, einer der Betreuer im Kindertherapiezentrum am Paul-Lincke-Ufer. Nicht immer gehe es so lautstark und turbulent zu wie heute im mittleren Gruppenraum. Boxhandschuhe, Ritterrüstung, Spielzeugpistolen und Sandsack gehören hier zu den Hilfsmitteln: Im Rollenspiel, im Kampf gegen oder um den Therapeuten und in der Auseinandersetzung mit anderen Kindern werden Ängste und Aggressionen ausgelebt.

Vierzig Nachmittage lang hat Jan nichts anderes getan als um sich zu ballern, bevor er bereit war, Spiele, Gespräche, Kochen, Malen, Ausflüge und Schlittschuhlaufen und vor allem die beharrliche Anwesenheit von Edda, seiner Therapeutin, zu akzeptieren. Eine nervliche Zerreißprobe, die alle Beteiligten an die Grenzen ihrer Belastbarkeit brachte. Für Jan ein unerläßlicher Test. Wann ist die Toleranz der Therapeutin erschöpft? Jedes Kind, sagt Edda, überprüft erst einmal das Vertrauensverhältnis „Die meisten provozieren genau dort, wo sie Widerstand vermuten.“ Nicht immer gehen die Erwachsenen als Sieger hervor. „Aber mittlerweile habe ich einen längeren Atem, um auf dieses Beziehungsangebot einzugehen. Notfalls spreche ich auch Verbote aus.“

Aggressivität, Gefühlsblockierung, Sprachdefizite, Kontaktarmut: Rund 60 Aktenordner im Büro des Kindertherapiezentrums dokumentieren die Vielfalt kindlicher Verhaltensstörungen, die schließlich zur seelischen Behandlung der Vier- bis Zehnjährigen führen. Bevor ein SOS-Ruf erfolgt, ist meist viel Zeit verlorengegangen. In der Regel werden Verhaltensauffälligkeiten erst bemerkt, wenn Kinder Leistungen erbringen sollen. Schule und Kindertagesstätten geben am häufigsten Anstoß bei der Vermittlung des nach dem Bundessozialhilfegesetz staatlich finanzierten Therapieplatzes.

Nicht zufällig ist Kreuzberg der Standort des Therapiezentrums. In diesem Bezirk ist die Verflechtung psychischer, sozialer und materieller Probleme besonders augenfällig. Bei überdurchschnittlicher Bevölkerungsdichte, einem hohen Anteil von Ausländern und Arbeitslosen, kinderreichen Familien und Sozialhilfeempfängern fehlt es hier allenthalben an pädagogischen Einrichtungen und Beratungsstellen. Hier sind sie aber besonders notwendig, um die oft vorgezeichneten Stationen benachteiligter Kinder – Beobachtungsklasse, Sonderschule, Heimeinweisung – verhindern zu helfen.