ARD, Donnerstag, 16. Februar: „Die spanische Krankheit“, Film von Gisela Reich und Roberto Sanchez

Bundesrepublikanische Reporter der Olympischen Winterspiele: Da vereinte sich, auf der höchsten Stufe, Interesse mit Nonchalance, Enthusiasmus mit Sachlichkeit und Ironie (Harry Valérien), da wurde, auf der mittleren Ebene, nüchtern und kritisch über den Entschuldigungsreichtum unserer Athleten referiert (Rolf Kramer), und da wurden, auf der niederen, niedersten und nicht mehr erkennbaren Niveau-Ebene Fehlleistungen am laufenden Band produziert, Taktlosigkeiten, arrogante Redereien, dummdreiste Bonmots, die witzig sein sollten und in Wahrheit nur tolpatschig waren. Unerträglich.

Und am Abend, als Kontrastprogramm, dann Erinnerungen an Feuchtwanger und Schnitzler bei Jud Süss und dem Weg ins Freie; am Abend, Olympia macht’s möglich, wenigstens mal kein Denver-Clan und kein Freitags-Krimi aus der Welt der Reichen und Großen (mit dem „Herrn Professor“ als Lieblingsfigur, dem Gelehrten im Smoking), am Abend statt dessen ein Meisterstück sozialkritischer Dokumentation, Gisela Reichs und Roberto Sanchez’ Bericht über die Massenvergiftung armer Leute durch eine skrupellose Mafia von Olivenöl-Großhändlern, geschehen anno ’81 in Spanien.

Im Stil mittelalterlicher Seuchen-Be-Schreibungen, als Chronik einer heimtückischen Pestilenz, wurden Merkmale, Ursachen und Konsequenzen der Vergiftung beschrieben, rückte die Kongregation zwischen den Bossen und einer ihnen insgeheim dienstbaren Gesundheitsbehörde ins Blickfeld, wiesen die Opfer, während die Täter im Dunkel blieben, auf ihre Leiden: tote Kinder, Familiengräber, entstellte Körper, verzerrte Gesichtszüge, Schmerzen, die nie mehr enden würden.

Erschütternde und unvergeßliche Bilder: ein Ehepaar hielt wie eine Monstranz die Photographie ihres toten Sohns in die Höhe. Da! Schaut her! Ermordet haben sie ihn – und er wußte, wie ihm geschah: „Mama, ich habt keine Kraft mehr, ich sterbe.“

Gut, einige Formulierungen mögen ein wenig pathetisch gewesen sein, eher umschreibend als zupackend, aber mit Thukydides’ oder Defoes Fähigkeit, Schweigen und Schreie durch nüchternste Beschreibung hörbar zu machen, kann einer schließlich ohnehin nicht konkurrieren. Und trotzdem – ungeachtet einiger sprachlicher Mängel und mancher allzu direkten Kamera-Abtastungen der weinenden und von Schmerzen Gequälten – hatte die Dokumentation den Rang einer Schreckens-Chronik hoher Qualität: folgerichtig, gnadenlos und unwiderlegbar. Eine parteiliche Chronik, wie sich versteht – auf seiten der Opfer und ohne Entschuldigung für das Komplizentum von Geld und Verwaltung.

Beschrieben wurde, wie 1981 die Stadt Madrid in Panik geriet, wie die Pest sich, entlang der Straße nach Leon, in den Armenbezirken ausbreitete (dort, wo man auf das billige Öl angewiesen war), wie zwanzigtausend Menschen erkrankten und fünfhundert starben, wie, zweieinhalb Jahre nach der Infektion, die Zeitbomben immer noch in den Körpern der Befallenen ticken, wie die Toten und verstümmelten langsam vergessen werden und wie die Trauer nur noch in den Familien der unmittelbar Betroffenen wach bleibt: Unser Sohn sah sehr gut aus. Er war ein schönes Kind und gutmütig dazu. Jetzt ist sein Platz leer, hier am Tisch. Ich, die Mutter, bin schuld, ich habe das Öl gekauft.