Nach einer sieben Monate währenden, teilweise stürmischen Auseinandersetzung hat die französische Nationalversammlung knapp vor Jahresschluß das vom Erziehungsminister Alain Savary vorgelegte Hochschulgesetz mit 326 Stimmen der Sozialisten und Kommunisten gegen 161 Stimmen der Opposition verabschiedet. Der Senat, in dem die Oppositionsparteien über die Mehrheit verfügen, hatte das Gesetz zuvor in Bausch und Bogen abgelehnt. Das nunmehr verabschiedete Gesetz ist ein Kompromiß: Es entstand unter dem Druck der unterschiedlichsten politischen Kräfte, vor allem der Gewerkschaften.

Das neue Gesetz löst das Hochschulgesetz von 1968 ab, das Edgar Faure als Replik auf die Studentenrevolte vorgelegt hatte. Autonomie, Pluridisziplinarität und Mitbestimmung waren damals die leitenden Gesichtspunkte. Die sozialistischen Bildungspolitiker waren nunmehr der Meinung, daß dieses Gesetz teils durch die vorherigen Regierungen pervertiert worden sei, teils den Anforderungen der modernen französischen Gesellschaft nicht mehr entspreche. Eine stärkere Anpassung der Hochschulen an die Bedürfnisse einer modernen Industriegesellschaft erschien ihnen geboten: Öffnung der Hochschulen auf die soziale Umwelt, Orientierung am wirtschaftlichen Bedarf der Nation, Gesellschafts- und Praxisbezug und als Folge davon eine starke berufsorientierte Ausrichtung der einzelnen Studiengänge, die sogenannte Professionalisierung – dies waren die wichtigsten Motive des neuen Gesetzes.

Als weitere Absicht wird die Demokratisierung des Hochschulwesens genannt. Darunter verstehen die Sozialisten auch die Ablehnung des Numerus clausus sowie den Wegfall jeder Form von Selektion während des Studiums, insbesondere beim Übergang vom Grund- zum Hauptstudium. Im Lande des Concours und der Elite-Hochschulen mußte gerade diese Forderung auf heftige Kritik und organisierten Widerstand stoßen. Professoren- und Studentenstreiks standen im Sommer denn auch auf der Tagesordnung. Entgegen der ursprünglichen Absicht der Reformer, ist die für das französische Hochschulsystem seit fast zwei Jahrhunderten so charakteristische Zweigliedrigkeit von Universität und Grandes Ecoles im Ergebnis erhalten geblieben: Zwar fällt der Numerus clausus bei den Universitäten weg, die Grandes Ecoles setzen aber nach wie vor den Concours voraus, also eine stark selektive Zugangsprüfung auf gesamtfranzösischer Basis nach einer zweijährigen intensiven Vorbereitungszeit im Anschluß an das Abitur.

Diejenigen Grandes Ecoles – und es sind nicht wenige – die nicht dem Erziehungsministerium unterstehen, wie etwa die berühmte Ingenieurhochschule Ecole Polytechnique oder die ebenso berühmte Verwaltungshochschule Ecole Nationale d’Administration, sind vom Gesetz ganz ausgenommen. Ebenso behalten die Medizin, die Zahnmedizin und Pharmazie sowie stark berufsbezogene Studiengänge in den Instituts Universitaires de Technologie – etwa mit unseren Fachhochschulen vergleichbar – eine gewisse Ausnahmestellung. Damit ist die Sonderstellung der Grandes Ecoles gesichert, das elitäre Prinzip als Herzstück des französischen Ausbildungssystems hat sich behaupten können.

Das neue Gesetz verstärkt in erheblichem Maße die Exekutivbefugnisse des auf fünf Jahre gewählten und nicht unmittelbar wiederwählbaren Hochschulpräsidenten. Der Wahlkörper besteht aus drei neu eingerichteten Leitungsgremien der Hochschule: dem Verwaltungsrat (Conseil d’Administration), dem Forschungsrat (Conseil Scientifique) und dem Rat für studentische Angelegenheiten (Conseil des Etudes et de la vie universitäre). Dem Kampf um Einfluß und Macht in der Hochschule, der im wesentlichen von den Gewerkschaften und dort von der mehrheitlich kommunistisch orientierten Gewerkschaft, dem SNESSUP, geführt wird, versucht die Regierung mit einem Konzept funktionaler Differenzierung der Mitbestimmungsgremien zu begegnen. Die Vertretung der verschiedenen Hochschulgruppen in den Leitungsgremien ist unterschiedlich geregelt und wird jeweils durch deren spezifische Aufgabe mitbestimmt. So sind im Forschungsrat die Hochschullehrer, im Rat für studentische Angelegenheiten die Studenten stärker vertreten.

Allerdings haben diese Gremien nur Beratungsfunktion, während die eigentliche Entscheidungsfunktion beim Verwaltungsrat liegt. Dieser setzt sich wie folgt zusammen: 40 bis 45 Prozent Lehr- und Forschungspersonal; 20 bis 30 Prozent Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Industrie und Gewerkschaften; 20 bis 25 Prozent Studenten und 10 bis 15 Prozent nichtwissenschaftliches Personal.

Gegen diese Regelung wird von Kritikern vorgebracht, daß die Professoren in keinem der drei Leitungsgremien auch nur annähernd die Mehrheit haben. Weiter befürchten die Kritiker eine zu starke außeruniversitäre Repräsentanz und damit eine erhöhte Einflußnahme vor allem der Gewerkschaften. Der Hauptpunkt der Kritik konzentriert sich auf den Wahlmodus, nach dem die verschiedenen Hochschulgruppen in die Leitungsgremien gewählt werden. Das Gesetz fordert einerseits die Listenwahl, beseitigt andererseits die bisher übliche Gruppenwahl. Wenn bislang Professoren und Mittelbau in getrennten Wahlkollegien jeweils ihre gruppeneigenen Vertreter in die Entscheidungsinstanzen entsandten, so wählt jetzt der Mittelbau die Professorenvertreter mit und umgekehrt. Da der Mittelbau aber die größte Gruppe im Lehr- und Forschungsbereich aarstellt, kann er die Professorenschaft überstimmen und hat die größere Chance, die ihm genehmen Professorenvertreter durchzusetzen. Bedenkt man nun, daß im SNESSUP vor allem der Mittelbau gewerkschaftlich organisiert ist und daß die Listenwahl, die auf politischer, gewerkschaftlicher oder hochschulpolitischer Basis konstituierten Gruppierung grundsätzlich gegenüber Einzelpersonen privilegiert, so mag verständlich werden, daß die Gegner des Gesetzes gerade in diesem Punkt soweit gegangen sind, das Verfassungsgericht anzurufen. Sie befürchten eine extreme Politisierung und die Bedrohung der Freiheit von Forschung und Lehre, da die wissenschaftliche Kompetenz der Entscheidungsgremien durch Zusammensetzung und Wahlmodus nicht mehr gesichert zu sein scheint. Inzwischen hat sich das Verfassungsgericht diese Bedenken zu eigen gemacht und das einheitliche Wahlkolleg abgelehnt. Dies bedeutet einen schweren Rückschlag für den Erziehungsminister.