Die Eingriffe in das menschliche Erbgut drohen die Grundlagen des Zusammenlebens zu zerstören

Von Justin Westhoff

Die Frau hat Blut für vier oder fünf Kinder. Wenn sie keine bekommt, verwandelt sich ihr Blut in Gift.“ Derart Unemanzipiertes dichtete der antifaschistische spanische Lyriker Federico Garcia Lorca – man mag es seiner wenig aufgeklärten Zeit zurechnen. Doch noch heute dient das Zitat als Rechtfertigung, daß alles – aber auch wirklich alles – erlaubt ist, um nur das Weib seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen.

Zum Beispiel für den Arzt Sacha Geller, der in Marseille eine Agentur für Mietmütter eröffnen wollte. Sie sollten für ein Handgeld von 50 000 Francs Babys austragen und sie dann der unfruchtbaren Gattin des Samenspenders überreichen. Verglichen etwa mit amerikanischen Instanzen erwiesen sich Ärztekammer und Gesundheitsministerium Frankreichs als altmodisch: sie bezeichneten das Geschäft mit dem Leih-Bauch als ethisch, moralisch und juristisch äußerst bedenklich. Verständnislos konterte Geller, es gebe doch eine Nachfrage – die müsse man befriedigen. Im Ärzteblatt Le Quotidien du Médecin schrieb er, Garcia Lorca habe „in bewundernswerter Weise die grenzenlose Trauer der sterilen Frau erfaßt. Unfruchtbarkeit mag schön für den Mann eine schwere Belastung darstellen – für die Frau ist sie ein Drama: Das Leben verliert jeden Sinn!“

Auch wenn man, weniger frauenfeindlich, dem weiblichen Geschlecht noch andere Möglichkeiten zugesteht, als die übervölkerte Erde mit Nachwuchs zu versorgen – unbestreitbar ist, daß Kinderlosigkeit für viele Paare eine gravierende sozialseelische Belastung bedeutet. Niemand sollte ihnen das Recht bestreiten, die Hilfe moderner Medizin in Anspruch zu nehmen. Aber die Legitimation zu jeglichem Eingriff in die Natur vom dringenden Kinderwunsch der Eltern ableiten zu wollen, ist „zumindest fragwürdig“, schreiben die psychosomatisch orientierten Gynäkologen Professor Peter Petersen (Hannover) und Alexander Teichmann (Göttingen) im Deutschen Ärzteblatt. Hinter dem flehentlich vorgetragenen Kinderwunsch stünden oft Probleme, „die viel mit den wünschenden Personen, oft aber so gut wie nichts mit dem gewünschten Kind zu tun haben“. Und häufig, so ergänzt der niederländische Gynäkologe und Leiter der Universitäts-Frauenklinik in Leiden, Professor Eylard van Hall, muß man auch fragen: „Wer will eigentlich das Baby: die Patientin oder der Arzt?“

Sicherlich – der Medicus ist dazu da zu helfen. Doch wenn erwachsene Menschen meinen, „gar nicht ohne ein eigenes Kind leben zu können“, muß man auch fragen, ob ihnen nicht besser geholfen wäre, wenn sie nach anderen Aufgaben suchten. Kinderlosigkeit, so Petersen und Teichmann, kann auch „einen tiefgehenden biographischen Sinn für das betroffene Paar haben“. Von den „armen Ehepaaren“ ist ohnehin vielfach gar nicht mehr die Rede. Was weltweit in Labors und Kliniken geschieht, von der Öffentlichkeit teils unbeachtet, teils bejubelt, droht die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens mehr, zu verändern als mancherlei Entwicklung, gegen die sich agile Bürgerinitiativen auflehnen. Die Forschung nimmt Wesen und Werden des Menschen in den Griff. Als „genetisches Hiroshima“ bezeichnet der Starnberger Frauenarzt Frieder Rexilius diesen Eingriff in das menschliche Erbgut. Der Mensch wird kaum eine Naturentwicklung in andere Bahnen zu lenken vermögen, die auf milliardenfach genetisch gesteuertem Zufall beruht. Doch neben dem biologischen gibt es auch ein sozial-kulturelles Erbe. Die aus der genetischen Vielfalt erwachsende Freiheit des Menschen legt Bürgern und Biologen eine Verantwortung auch für die Nachkommenschaft auf. Und dieser – von religiösen Einstellungen unabhängige – „menschliche Grundwert“ ist in Gefahr.

Bürger wie Politiker haben die grundlegende Problematik, die aus den Folgen der modernen Biologie entsteht, bisher kaum beachtet. Auch die soeben von Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber angekündigte Einsetzung einer Arbeitsgruppe, welche die ethischen und rechtlichen Fragen der Anwendung von gentechnischen Methoden am Menschen untersuchen soll, wird dem ganzen Ausmaß nicht gerecht.