Hamburg

Keine Dutzendehe: Ein Mann heiratet eine Frau, an der er nicht weiter interessiert ist, um einem anderen einen Gefallen zu tun. „Das ist bei uns in Ghana so üblich. Viele machen es so“, erklärt der 38jährige Angeklagte der Dolmetscherin auf englisch, und die übersetzt es mit einem kleinen, Hilflosigkeit signalisierenden Achselzucken dem Amtsrichter Hans Runge. Welcher im deutschen Strafgesetzbuch verankerte Tatbestand kommt schon dem mit gelassener Selbstverständlichkeit vorgetragenen Gewohnheitsrecht afrikanischer Stämme gleich?

Boakye Asare, 1,60 Meter klein und äußerst korrekt in Dunkelblau gekleidet, ist guten Willens, der deutschen Gerichtsbarkeit die Bräuche seiner Heimat zu erläutern. Wenn seine Familie in Ghana eine Frau für ihn aussucht, ist für die Heirat nicht unbedingt seine Anwesenheit erforderlich – das können auch Bruder oder Vater als Stellvertreter erledigen. Nur die Braut, die muß natürlich authentisch sein, will sie eine der Seinen werden; sie könne dann aber als rechtmäßige Gattin zu ihm kommen, niemand nähme das wunder.

Um eben einen solchen Stellvertreterdienst wurde Asare von seinem ebenfalls nach Hamburg verschlagenen Stammesbruder Ophong im Mai 1980 gebeten. Wie konnte er ahnen, welche Komplikationen er heraufbeschwor, als er sich dazu bereiterklärte? Zögern galt nicht; ein dritter Landsmann redete ihm zu: „Das ist ganz einfach. Wir kommen alle aus einer königlichen Familie. Falls ich Häuptling werde ...“ Drohung oder Versprechen?

Asare läßt offen, wie dieser Zuspruch gemeint gewesen war. Er läßt überhaupt manches offen. Nicht aus der Berechnung heraus, daß er sich vor Gericht um Kopf und Kragen reden könnte. Nein, viele seiner Sätze in schnell gesprochenem, unsicher verschlucktem Englisch bleiben unvollständig im Gerichtssaal hängen. Wie kann einem Ausländer ein fairer Prozeß gemacht werden, der mit dem Gericht über den Umweg einer nicht wirklich „beherrschten“ Fremdsprache verhandelt? Was tatsächlich überkommt zwischen dem Angeklagten und dem Vorsitzenden, ist ein Bruchteil des tatsächlich Geäußerten und Angedeuteten. Da hilft auch ein gewandter Dolmetscher nicht viel.

Nach manchen Umwegen und Mißverständnissen stellt sich schließlich Tieraus: Asare ist damals im Mai zusammen mit mehreren Landsleuten und zwei Hamburgerinnen nach Kopenhagen gefahren, um vor dem dortigen Standesamt an Stelle von Ophong Gudrun P. zu heiraten. Die Zeremonie war zwar nüchtern, doch trotzdem verwirrend für den Bräutigam: Jemand rief irgendwann seinen Namen auf, er unterschrieb, basta. Aber wessen Mann war er nun? Die Zeugin Gudrun P. nämlich beteuert, nein, diesen kleinen Schwarzen, Asare nämlich, habe sie nicht geheiratet, „ihrer“ sei mindestens einen Kopf größer als sie gewesen, und gewachsen sei sie seither nicht, fügt die 22jährige Arbeitslose hinzu. Wie das? Hat Asare dann vielleicht die andere der beiden Frauen, Dagmar B., zur Frau genommen, ohne es recht zu merken? „No, Sir“, lautet seine knappe Stellungnahme. Da die Zeugin bereit ist zu bestätigen, daß Asare immerhin zweifelsfrei einer der Teilnehmer der Hochzeitsreisegesellschaft war, wird nicht weiter nachgehakt.

Fest steht weiterhin, daß nach der Rückkehr aus Kopenhagen alle Beteiligten zufrieden sein konnten: Ophong, auf dem Papier frischgebackener Gatte einer „deutschen Ehefrau, gebührenfrei“, hatte keine Mühe, seine Aufenthaltsgenehmigung auf dem Ausländeramt verlängern zu lassen. Allerdings nicht um die sonst üblichen drei Jahre, sondern nur um zwölf Monate – der Trick mit der Scheinehe war damals bei mehreren Ghanaern gerade aufgeflogen und hatte die Verwaltungsbeamten mißtrauisch gemacht. Gudrun erhielt von einem gewissen Stefan, dem deutschen Drahtzieher der Aktion, die versprochenen 2000 Mark, „’ne Menge Kohle für mich, aber mein Freund hat’s eingesteckt“.