Hervorragend

„Orgelprofile.“ Die Barock-Orgeln in Holland und Norddeutschland, in Thüringen und Schwaben, die Zwei-Fassaden-Bauten in spanischen Domen und Königskuchen, aber auch die unscheinbaren Prospekte des frühbarocken Italien wie des spätromantischen Frankreich: Sie alle sind die architektonischen Spiegelungen der Musik, die für diese jeweiligen Instrumente geschrieben wurde. Umgekehrt: Die Kompositionen maßen sich an dem, was die Mechanik erlaubte. Die Orgelbewegung der zwanziger Jahre hat uns dies wieder ins Gedächtnis zurückgerufen. Darüber hinaus führte die Not der vielen Zerstörungen während des letzten Krieges zu einer Tugend im Neubau: Orgeln entstanden, die wieder gemäß ihrer Funktion entworfen wurden, die aber auch den puren epigonalen Nachbau vermieden: Die Geschichte wirkte nach, Und die Neuzeit stellte ihre eigenen Forderungen, die wiederum in die alte Geschichte zurückgriffen auf die Disposition nach getrennten „Werken“. Was diese Instrumente zu leisten vermögen, soll die Schallplattenserie des Berliner Pape-Verlages darstellen. Darüber hinaus versucht diese Reihe, in den Begleittexten sowohl die Instrumente technisch zu beschreiben als auch genau zu dokumentieren, wie sie genutzt wurden, nennt also die Disposition für jeden Abschnitt der gespielten Werke. (Daß Ludger Lohmann selbst bei Sigfrid Karl-Ehlerts op. 154 auf den in Stuttgart verfügbaren Crescendo-Rollschweller verzichtete, zeigt, wie weit die junge Organisten-Generation sich abgesetzt hat von schlechten Vorbildern.) Daß die Interpreten zudem vorführen, wie auch (oder gerade) die neuen Instrumente eine Spielweise im Sinne historisch-kritischer Aufführungspraxis möglich machen, hebt diese Reihe so vielversprechend und notwendig heraus. (Admont-Österreich/Martin Haselböck; Lochtum-Harz/Matthias Janz; Kempen/Ludger Lohmann; Freiburg-Kappel/Uwe Karsten Groß; Stuttgart-St. Eberhard/Ludger Lohmann; Pape-Verlag Berlin, Prinz-Handjery-Straße 26 a). Heinz Josef Herbort

Zwiespältig

John Lennon/Yoko Ono: „Milk and Honey.“ Der die Dramaturgie offenbarende Untertitel dieser Platte lautet „A Heart Play by John Lennon and Yoko Ono“. Wer also nur die letzten Lieder des Liverpooler Rock-Genies hören möchte, für den bietet die CompactDisc-Pressung der Aufnahmen gegenüber der LP einen entscheidenden Vorteil: Man kann die manchmal quälend autobiographischen Zwischenspiele der lustigen Witwe (Textprobe: „Sleepless night/The moon is bright/All I’m asking for is/Three minute love“) einfach weg-programmieren. Hört man dann Lennons Lieder im Zusammenhang, so gewinnt man den Eindruck, daß er nach dem artistischen Debakel von „Double Fantasy“ im Begriff war, wieder ganz der alte zu werden, will sagen: an die Zeiten von „Imagine“ and „Rock ’n’ Roll“ anzuschließen. Da herrscht in „I Don’t Wanna Face It“ vom Chuck-Berry- bis zum Selbstzitat derselbe sarkastische Sprach- und Mutterwitz, und wenn er mit „(Forgive Me) My Little Flower Princess“ auch einen Tiefpunkt der Pop-Lyrik markiert, zeigt er mit „Nobody Told Me“ andererseits, wie schöpferisch er seine Dylan-Lektionen „verinnerlicht“ hat. Denn hier singt er die unbezahlbaren Verse: „Everybody’s talking and no one says a word/Everybody’s making love and no one really cares/There’s Nazis in the bathroom just below the stairs/Always something happening and nothing going on...“ Das reimt sich wohl etwas holprig, wenn man’s liest. Aber einen prophetischeren Kommentar zur seinerzeit erst virulenten Synthi-Pop-Mode hat auch seither niemand gesungen! (Polydor 817 160)

Franz Schöler