Von Rainer Winkel

Herr Kröger, Jahrgang 1949, ist das, was wir, oft zu Unrecht, einen 68er zu nennen pflegen. Kinderorientiert, mißtrauisch gegenüber allem, was „von oben“ kommt, politisch sensibel, gewerkschaftlich engagiert, struppiger Bart, Cordhose, Boots, Maonemd mit Weste, Buttons je nach Lage. Gesellschaftslehre in einer fünften Klasse. Thema: Ost-West-Konflikte. Die meisten Schüler klinken sich schon nach wenigen Minuten aus dem Lernprozeß aus. Achmed geht zum Waschbecken und säubert seinen Füller. Melanie spielt mit Streichhölzern. Nadine, Nicole und Carola blättern in der Bravo und kommentieren Nenas neuesten Schlager. Herr Kröger redet und redet. Ab und zu unterbricht er sich mit den Worten: „Nun seid doch mal bitte leise!“ Ich zähle in einer einzigen Stunde 26 mal das Wörtchen „bitte“. Norbert geht zur Tafel, schnappt sich ein Stück Kreide, grinst und gibt Herrn Kröger einen Klaps auf den Po. Verlegenes Lächeln, verschränkte Arme, verkrampfter Körper: Kinder sind nicht immer so, wie es der „herrschaftsfreie Diskurs“ suggeriert.

Ganz anders Frau Steinweg, Jahrgang 1950. Sie gibt Englisch in einer 10. Hauptschulklasse. Thema: „Direct and Reported Speech“. Burschikos begrüßt sie 14 Schüler und neun Schülerinnen. Absolut sicher in englischer Konversation ermuntert sie hier und kritisiert dort, hilft der einen und korrigiert eine andere. Voller Temperament, methodischer Vielfalt und freundlicher Zuwendung läßt sie lesen, vor- und nachsprechen, übersetzen, abschreiben, Lückentexte ausfüllen und zum Schluß ein Sprechspiel durchführen. Hausaufgabe: Give some Information about Linda and Peter! Kein Protest, keine Störung, kein Frust.

Beschwerden auf dem Elternsprechtag: Nadja raucht, schlägt sich und zeigt katastrophale Leistungen. Ehe die Lehrerin erläutern kann, startet die Mutter den Gegenangriff. Die Lehrerin bleibt ruhig. Zum Schluß wird die Mutter heftig: „Wir leben nun mal in einer Ellenbogengesellschaft, und ich erziehe meine Tochter nicht zum Duckmäusertum!“ Nadja grinst.

Eigener Unterricht in einer sechsten Klasse. Ich gebe Englisch und Deutsch. „Was sind Metaphern?“ habe ich an die Tafel geschrieben. Gruppenarbeit will und muß geübt werden. Plötzlich, urplötzlich, springen Frank und Olaf auf, dreschen aufeinander ein. Ich höre sie schreien: „Du Sau!“ „Du Arschficker!“ Voll ins Gesicht fliegen die Fäuste. Die Klasse lauert. Ich Springe hinzu und dazwischen, halte fest und einiges aus, hinzu und und bin doch selbst zutiefst beunruhigt. Ursache: Frank hatte „aus Versehen“ Olafs Etui vom Tisch gestoßen. Das erfahre ich zwei Tage später, so nebenbei.

Frau Seifert gesteht mir, gestern einen Schüler geschlagen zu haben. Herr Wolf steht dabei und meint: „Letzte Woche hab’ ich dem Torsten eine geklebt!“ Der Kollege Balser gibt mir einen Brief zu lesen, den er gestern seiner Klasse geschrieben hat, denn offensichtlich kommen gesprochene Worte gar nicht mehr an. Ich lese: „Am letzten Freitag habt ihr zwölf Minuten mit Absicht übersehen, daß ich in der Klasse stand. Ich war Luft für euch. Da wurde munter weiter geschrien, gerannt, geprügelt, gebastelt, gemalt.“ Herr Balser hat vor Unterrichtsbeginn jedem Schüler eine Kopie dieses Briefes auf seinen Platz gelegt. „Ich bin im Lehrerzimmer und werde dort warten, bis ihr mich abholt“, so der letzte Satz. Ein Lehrer konnte und wollte nicht mehr – sich quälen lassen.

Krisenbesprechung beim Stufenleiter. Karsten ist abgehauen. Wahrscheinlich zu seiner Mutter in den Schwarzwald. Der Vater hat die Scheidung beantragt und liegt im Krankenhaus. Das Jugendamt will wissen, ob die Schule (noch) helfen kann. Die Klassenlehrerin meint, alles getan zu haben. Alles? Ich schlage eine Art „Elternpatenschaft auf Zeit“ vor. Protest. Noch mehr Arbeit. Ein Aufschub, im Interesse des Jungen, dem die Heimeinweisung droht, ist das Äußerste, was abgetrotzt werden kann.