Von Irene Mayer-List

Es sieht aus wie Silber, wiegt schwerer als Gold und ist zur Zeit das teuerste Edelmetall: Platin hatte im vergangenen Jahr bei Juwelieren und Anlageberatern eine unerwartete Renaissance.

Die Schmuckhändler waren perplex. Die Kunden hielten sich 1983 im allgemeinen dezent zurück bei kostbaren Geschmeiden aus Gold, Diamanten, Rubinen und Smaragden. Nur beim teuren Platinschmuck verdoppelte sich die Nachfrage. Obwohl schon ein simpler Trauring aus dem schweren grauen Metall rund siebenhundert Mark kostet, ließen sich die Käufer vom Preis nicht abschrecken.

Aber auch die Banken wurden vom Boom für das rare Metall überrascht: Als die Deutsche Bank ihren Kunden im November den noble, eine englische Platinmünze im Wert von mehr als tausend Mark, anbot, kam es zu einem ungewöhnlichen Ansturm. Schon in den ersten drei Tagen, so munkelt man an der Börse, seien siebentausend Münzen verkauft worden. Die Deutsche Bank hat das Sensationsgerücht nicht dementiert. Einer ihrer Sprecher kommentiert zufrieden: „Wir können froh sein, daß wir mit dem Nachschub an Münzen nachkamen.“

Ob in Form von Schmuck, Münzen oder kleinen, handlichen Barren – Platin wird auch in diesem Jahr als heißester Tip unter den Geldanlegern gehandelt. Der Grund ist einfach: Das teure Metall ist ein wichtiger und unersetzbarer Bestandteil der Abgaskatalysatoren, die von 1986 an in neue Autos eingebaut werden sollen. Nur mit Hilfe dieses Materials können die Katalysatoren giftige Benzinabgase in harmlose Substanzen verwandeln. Der Rohstoff Platin aber, so glauben viele, wird von 1986 an knapp werden.

Kein Wunder, daß sich die Anleger bereits ausrechnen, wieviel sie an ihren Platinschätzen verdienen. Die Hamburger Vereins- und Westbank prophezeit zuversichtlich „überdurchschnittliche Preissteigerungen“. Auch die Finanziers in New York sind mit den deutschen Umweltschützern zufrieden. Bereits 1990, so hofft Paul Sarnoff vom renommierten Brokerhaus hofft Webber, werde das Platinangebot für die Produktion der Katalysatoren nicht mehr ausreichen. Die Preise für das Metall könnten sich mehr als verdoppeln.

Im Moment kostet eine Unze (31 Gramm) Platin an der New Yorker Metallbörse knapp vierhundert Dollar. Die Anlage ist aber riskant. Denn obwohl die Platinpreise meist etwas über der Goldnotierung liegen, gab es in den letzten vier Jahren erhebliche Schwankungen: Von einem Spitzenkurs von mehr als tausend Dollar für eine Unze Platin im Frühjahr 1980 sackte der Preis im Sommer 1982 auf nur noch 243 Dollar. Schuld daran waren zum einen die Spekulanten. Zum anderen hängt der Wert des Edelmetalls von der Auftragslage in der Wirtschaft ab.