Über Sexualverbrecher herrschen vielfach falsche Vorstellungen

Von Hanne Tügel

Der ist doch nicht häßlich. Der hätte doch auch in eine Diskothek gehen und ganz normal ein Mädchen ansprechen und mit ihr schlafen können.“ Petra G. hatte bis vor einem Jahr das übliche, fatal-falsche Bild von einem Sexualverbrecher: das Monster, das im dunklen Park lauert. Die wenigsten Frauen wissen, daß es nicht nur Triebtäter und kontaktscheue Perverse sind, die vergewaltigen.

Was sind das für Männer, die wegen Vergewaltigung vor Gericht stehen? Zum Beispiel Fredi S. Er ist vorbestraft, Knastkarriere – ein Sexualdelikt zwischendurch. Zum Beispiel Volker K., Akademikersohn aus gutem Haus, der eine Bekannte zur Sexualität zwingt – ein „Weißkragen-Vergewaltiger“. Zwei Männer von Tausenden, die jährlich in der Bundesrepublik angeklagt werden, gegen Paragraph 177 des Strafgesetzbuches verstoßen zu haben.

Der Tätertyp ist im Schnitt jünger als 25, schon vorher straffällig geworden und kommt aus der Unterschicht. Fredi S. ist der Durchschnitt in Person: Er ist gerade 22 geworden und schwarzes Schaf unter neun Geschwistern. Vorbestraft ist er unter anderem wegen Diebstahl, räuberischer Erpressung, Raub, Unterschlagung, versuchter Nötigung; dazu kam immer wieder schwere Körperverletzung.

Dabei sieht der Rowdy aus wie ein netter Junge. Klein, schmächtig, schüchtern sitzt er auf der Anklagebank, den schmalen Kopf auf die Arme gestützt. Vor Gericht spricht Fredi S. stockend und leise. Nur wenn die Sprache auf seine Vorstrafen oder auf Gewalt kommt, huscht ein leichtes Lächeln über sein Gesicht. Da kann er mitreden: „Da hat sie einen auf den Kopf gekriegt von ihrem Macker... Kann auch sein, daß ich mit der Faust zugeschlagen habe.“

Wer Fredi S. so reden hört, wird ratlos; er hat nach anfänglichem Leugnen die Vergewaltigung doch zugegegeben, aber Einsicht oder gar ein Schuldgefühl macht sich nicht bemerkbar.