Von Karl-Heinz Wocker

London, im Februar

Gibt es die verflixte zweite Amtszeit? Britische Premierminister scheinen es so zu empfinden, vor allem dann, wenn sie mit hohen Mehrheiten wiedergewählt worden sind. Harold Macmillan (1959) und Harold Wilson (1966) hatten die Opposition derart deutlich geschlagen, daß ihnen die Tore der Herrschaft weit offen standen. Nach vier Jahren mußten beide abtreten. „Supermac“ stolperte über Christine Keeler, „Harold“ über die Gewerkschaften. Ihre Mehrheiten von jeweils rund hundert Mandaten waren rasch dahingeschmolzen.

Margaret Thatchers Majorität beträgt heute sogar 144 Sitze. Ihr Wahlsieg ist noch kein Jahr her, da muß ihr Fraktionschef im Unterhaus schon versichern, die Regierung werde auf keiner der Bananenschalen ausrutschen, die jetzt herumliegen. Die Anhänger brauchen solche beruhigenden Worte, denn nichts läuft nach ihrem Gescnmack seit dem Triumph vom Juni vorigen Jahres: keine Steuersenkung, Keine Todesstrafe, keine Raubzüge in Brüssel, und der große Schlitten, auf dem die Gewerkschaften zu Tal gefahren werden sollen, steht auch noch unbemannt oben auf dem Berg.

Dazu all diese Pannen: erst mit Cecil Parkinson und Grenada; dann mit dem Spionagezentrum Cheltenham und Außenminister Geoffrey Howe; letzthin mit den Geschäften Mark Thatchers, in Oman. Nein, es macht keinen Spaß, und den Ärger soll nun die junge Garde der Getreuen ausräumen, die von Margaret Thatcher auf die Posten der Tory-Hierarchen von gestern gehievt worden sind. Frau Thatcher hat eine Pelzmütze erworben und reist durch die Welt – wie weiland die beiden Harolds. Genau wie jene hat sie für den Hausgebrauch eine Politik der Beschwichtigung beschlossen. „Euch ist es noch nie so gutgegangen“, sagte Macmillan. „Das Pfund in eurer Tasche wird nicht abgewertet“, behauptete Wilson. Die flotte Formel von 1984 steht noch aus.

Getrieben von der Sorge, daß sich für ihren dritten Wahlsieg kein zweiter Falklandkonflikt einstellt, und bestärkt in der Furcht, daß die wirtschaftliche Entwicklung ihr vielleicht zuwiderlaufen könnte, setzt Frau Thatcher auf Außenpolitik. Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, den desparaten Zustand sowohl der Ost-West-Beziehungen als auch der westlichen Bündnisse zu erkennen. Bis zum November ist die amerikanische Politik blockiert. Es ist üblich, daß die Regierungen Europas in einem solchen Wahljahr die Daumen drehen und abwarten. Aus dieser Runde der müden Ritter gedenkt die Premierministerin auszubrechen.

Niemand hat wie sie der neuen sowjetischen Führung derart deutliche Hinweise gegeben, daß man mit Gesprächen nicht bis zu Reagans Wiederwahl warten muß. Sie hat in Ungarn und noch zu Andropows Lebzeiten den Wunsch geäußert, mit dem Kremlherren zusammenzutreffen. Bisher galt als ausgemacht, daß nur eine Einladung nach London in Frage kommt. Aber Margaret Thatcher scheint flexibel zu sein. Der ältere Herr in Moskau wird nicht rasch überall hineilen wollen und können; ein Sowjetbesuch in England mag auch Probleme mit sich bringen, selbst wenn kein Außenminister George Brown mehr wie vor zwei Jahrzehnten zur Hand ist, um mit Chruschtschow zu wetteifern, wer die schlechteren Manieren aufbieten kann.